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Warum ich den Norden liebe

Der Norden, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2021. Das Meer küsst Land. Eine Einleitung, die man eher von Raumschiff Enterprise kennt und das wäre vermutlich einer der Orte, wo mich der ein oder andere verorten würde, wenn man frei in Raum und Zeit auswählen könnte wann und wie mein Leben stattfindet.

Kaum das man mehr falsch liegen könnte. Ich weiß zwar die High-Tech-Welt zu nutzen und mit ihr Umzugehen. Gehöre sicher auch denen die als Vorreiter in dieser Welt aktiv sind. Aber wenn mir jemand zwei Pillen hinlegt und sagt, die eine führt Dich weit in die Zukunft – so weit wie Du es dir kaum erträumen magst – und die andere führt Dich nach Haithabu, dann würde ich nicht lange zögern und mir die Replik eines Wikingerhelms aufziehen.

Es war so um 2006, wo ich mit meiner mittlerweile leider verstorbenen Mutter den ersten Urlaub in Dithmarschen machte. Später folgten zahlreiche weitere Urlaube an selbigen Ort, in Nordstrand, Wremen , Norderstedt und Hamburg. Norddeutschland und die Küste haben es mir einfach angetan.

Ich kann zwar nicht wirklich gut schwimmen, trotzdem mag ich Schiffe. Je älter umso besser. Ich mag die Aura, die diese Schiffe ausstrahlen, ferne Orte in dieser Welt zu sehen und zu erreichen. Dazu kommt noch die windige Brise des Abenteuers und der Ursprünglichkeit.

Wer selbst wie ich aus einer ganz anderen Region an die Küste oder schon allein nach Hamburg oder Bremerhaven kommt, der merkt ganz schnell das plötzlich sowohl die Uhren anders ticken. Das betrifft nicht allein den Zeitmesser am Handgelenk, sondern auch die innere Uhr. Man fühlt sich entschleunigt und schnell stellt man fest, auch alle drumherum, ticken irgendwie auf eine coole weise ganz anders.

Mal die Welt aus einer anderen Perspektive sehen, einfach auf dem Deich sitzen und den Schafen zusehen, das ist hier Programm. Und das verrückte daran, es tut den Leuten gut und diese sind nicht weniger aktiv oder produktiv als anderswo.

Norddeutsche sind als stur verschrienen. Wenn ihr Sturköpfe sehen wollt, dann solltet ihr mal zu mir nach Nordhessen kommen. Da könnt ihr lernen was Sturkopf wirklich bedeutet. In den Küstgefilden überlegt man erst, bevor man den Mund aufmacht. Der ein oder andere mag das auch als hanseatische Reserviertheit beschreiben. Ich empfinde dies als eine Wohltat.

Geht doch mal zuhause durch die Stadt. Schnell habt ihr irgendjemanden in der Nähe der Euch eine Roulade an den Kopf sabbelt, mit irgendetwas was Euch weder interessiert noch das ihr Lust habt überhaupt zu schwätzen. An der Küste grüßt man sich mit „Moin“ und das egal ob es wirklich morgens oder abends ist. Dieses „Moin“ ist ein Universalwort. Darin kann sich auch ein „Wie geht’s?“ „Mir geht’s gut“ oder sonstige Plattitüden verstecken, je nach Tageszeit, Umstand oder Betonung.

Dieses im Ohnsorg Theater oder sonstigen Filmchen propagierte „Moin, Moin“, dagegen geht schon Richtung Klönschnack oder Gesabbel.

Wo die Region bei mir punktet, ist dieses weite Land. Man sieht mittags schon, wer Nachmittag zum Kaffee kommt. Setzt Du dich irgendwo vor dem Deich hin, dauert es nicht lang bis Du teil der Landschaft bis und die Tiere um Dich herum einem nicht mehr als störenden Faktor wahrnehmen.

Mit Kohl und Fisch hast Du viel Gesundes für den Kochtopf und Pfanne vor Deiner Haustür. Du musst es nur annehmen. Und allein in der Direktvermarktung sind die Landwirte, denen in meiner Heimat weit voraus und das nicht erst seit ein paar Jahren.

Alt ist hier nicht automatisch schlecht. Fragt dann besser nicht wie lange manch ein Kutter in Betrieb ist, wie lang das ein oder andere Gerät, mit dem man Fisch, Gemüse oder anderes verarbeitet, schon seine Dienste tut.  Und manchmal findet man da Sachen die Uralt, aber so gepflegt sind als wären diese gestern aus der Fabrik gekommen.

Jedes Mal wenn ich Richtung Norden fahre, bei Brunsbüttel die Hochbrücke überfahre, dann verwandelt sich innerlich die alte Datsche die ich fahre in eine Horex, irgendwelche Sänger stimmen „Volles Roöööör“ an, die Nase vibriert im Wind und vieles was vorher ein Problem war, wird plötzlich einfach.

Auch dieses Jahr, werde ich wieder über diese Brücke fahren. Das erste Mal allein. Trotzdem liebe ich weiter den Norden, so wie auch meine Mutter diese Region geliebt hat. Ich werde wieder zum Sandkasten im Watt vor Friedrichskoog gehen und gucken ob irgendwo kleine Bernsteinspiltter angespült wurden. Ich werde in Büsum einen alten Fischerfreund besuchen und wie es sich für einen Landpiraten gehört auf ein Schiff steigen und auf Deutschlands einziger Hochseeinsel mein Unwesen treiben.

Ich freue mich dann wieder in einem Landstrich zu sein, wo eine „tote Tante“ gern willkommen ist. Wo ein Pharisäer etwas Leckeres zu trinken und der Schwinskopf einfach nur ein Campingplatz ist. Und wo man gut und frisch Fisch essen kann und der Kohl für eine gute Darmflora sorgt.

Die höchste Erhebung sind Deiche. Und selbst mein Auto darf hier mal mit einem Schiff fahren.

Bild/Layout: canva – Bearbeitung/Text: Norbert Beck

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