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Und plötzlich war sie weg…!

Es ging viel zu schnell, obwohl das Ende sich schon länger angedeutet hatte. Dienstag, die Pflege, der Arzt, der Krankentransport. Eigentlich hatte man noch auf ein gutes Ende gehofft. Es hatte immer ein gutes Ende genommen, warum nicht auch diesmal?

Nein, es nahm diesmal kein gutes Ende. Kein Wunder, keine Heilung, keine Heimkehr, nicht mal die Chance zu einem Abschied.

Informationen prasseln wie Fragmente auf einem ein. „Das haben wir so jetzt nicht erwartet.“, war unisono das was ich immer wieder zu hören bekam. Nicht erwartet, aber es war der Fakt: Mutti ist Tod.

Der Hausarzt, der in den letzten Jahren meine Mutter betreut hatte, meldete sich bei mir. War selbst geschockt. Klar, es ging ihr schlecht, aber so schlecht? Dankbar war ich als er mir das ganze drumherum erklärte, was das Krankenhaus so schrieb.

Lungenkeim, Pseudoirgendwas. Schon länger. Klar schon länger. Sie hustete schon länger, die Nase tropfte nicht, sie lief, im Gegensatz zu den Füssen meiner Mutter, die nach der Querschnittslähmung eigentlich nur noch am Körper waren, damit der Körper komplett aussieht. Sekret außerhalb der Lunge. Dazu hatte sie tagelang nicht richtig gegessen und getrunken, trotz Mahnung, trotz immer wieder anbieten. Letztlich war das zu viel für den Körper.

Immerhin, sie war keiner der Fälle, die in einer Corona-Statistik auftaucht.
Gegen Mitternacht wurde meine Mutter noch von Intensiv auf Normalstation verlegt, weil sie stabil war. Gegen 4 Uhr machte dann eine Schwester bei einer Routinekontrolle den traurigen Fund.

Ja, das war schnell. Viel zu schnell.

Dennoch war klar das es irgendwann passieren würde.

Immerhin, eins wurde mir schnell klar. Vorwürfe brauchte ich mir keine zu machen. Ich habe getan, was ich tun konnte. Ich habe ihr, so wie ich es meinem Vater kurz vor dessen Tod versprochen hatte, die letzten Jahre so gut wie nur irgend möglich gestaltet. Auch als sie zum Pflegefall wurde, habe ich sie nicht abgeschoben.

Ich habe viel zurückgesteckt. Ein Leben nach Stechuhr. Im Job. Zuhause. „Wir müssen fertig werden, die Pflege kommt bald.“ … „Heute machen wir…“, das ist nun alles nicht mehr.

Wenn eins weh tut, dann das es keinen Abschied gab. Keim = Infektion = kein Abschied am offenen Sarg, sagt das Infektionschutzgesetz angeblich. Muss ich nicht verstehen. Hat jemand im Krankenhaus ein Keim, bekommt der Besuch einen Papierlatz um, ne Papierbinde vor die Nase und Handschuhe an und kann seinen Verwandten – so nicht gerade Corona alles untersagt – seinen Verwandten trotzdem sehen.

Und hier? Die Frau atmet nicht mehr, sie kann aktiv nichts mehr tun, den Keim zu verbreiten. Ich wollte sie sicher nicht nochmal umarmen und durchknuddeln. Ich wollte nur für mich einen Schlussstrich ziehen können. Aber selbst das wird einem Verwehrt.

Doch die Gewissheit ist da. In dem Rollstuhl der in der Wohnung steht, sitzt niemand mehr. Irgendwann holt ihn das Sanitätshaus zurück. Es ist niemand mehr da, für den ich essen und trinken vorbereiten muss, keine Tabletten mehr, keine Spritzen.

Überall sind noch die Erinnerungen an sie und ich bin mir sicher, dass ich sie nie vergessen werde.

Siebzehn Jahre lebte ich mehr oder weniger mit ihr zusammen. Fast zehn Jahre pflegte ich sie. Das verbindet. Auch wenn die Zeit nicht immer leicht war, auch wenn das Hirn immer wieder nachließ und ich daher wie eine Gebetsmühle immer und immer wieder alles wiederholen musste. Auch wenn ich manchmal lauter und strikter Anweisungen geben musste, als mir lieb war, wenn sie nicht richtig mitmachte beim Umziehen oder Umsetzen. So eine Zeit verbindet.

Heute bin ich nach ihrem Tod, das erste mal wieder Arbeiten gegangen. Ein komischer Morgen, wenn man sich nur um sich selbst kümmern muss. Und da wird einem wieder bewusst, wie plötzlich sie doch für immer gegangen ist.

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