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Männer trauern anders oder das Märchen vom starken Mann

Es ist heute das achtzehnte Mal, dass ich diesen Geburtstag feiere. Das achtzehnte Mal, ohne dass der betreffende Mann noch da ist. Traditionell bringe ich eine Laterne zu einem alten Baumstumpf in unserem Garten. Meist früh morgens, wenn es noch dunkel ist. Die Kerze brennt in der Regel zwei volle Tage durch.

Ich war nicht ganz dreißig Jahre alt, als mein Vater starb. Ich weiß, dass mein Vater sicher nicht glücklich war, dass ich einen kaufmännischen Beruf ergreifen wollte und dass ich handwerklich nicht wirklich was von seinem Geschick abbekommen habe. Er hat es sich aber nicht anmerken lassen. Ob meine Mutter je gesagt, hat, dass ich mit meinem Geld das Haus, was er gekauft hat, gerettet habe, weil die Lücke zwischen Lohn und Rente plötzlich größer war als vorberechnet, keine Ahnung. Ich habe viel mit ihm gestritten. Ewig gestern. Er hatte den Zweiten Weltkrieg noch mitgemacht. Den Streit in der Familie, in der es einen braunen Fleck gab. Aber er war der, der den Ton angab. Und man muss zugeben, oft hat er auch richtig gelegen.

Der Tod kam viel zu schnell. Eine Routineuntersuchung. Plötzlich ein Schatten beim CT. Am Nikolaustag war es klar, Krebs. Der Krebs war eine der damals aggressivsten Sorte. Er hatte schon Metastasen gebildet. Chemo, die erste Behandlungsstaffel ging noch gut. Dennoch baute mein Vater immer mehr ab. Es war ein Zerrbild. Der starke Mann, der früher Bäume fällte, war plötzlich zerbrechlich. Ich bekam Angst, als ich ihm im Bett umlagern musste und er beim einfachen Anfassen schmerzerfüllt schrie. Ich musste plötzlich der Mann in der Familie sein. Ich hielt meiner Mutter den Rücken frei. Dann der Tag bevor er starb. Er nahm meine Hand und nahm mir das Versprechen ab “Pass auf mein Röschen auf…”. Röschen, so nannte nur er meine Mutter. Am nächsten Morgen war es vorbei.

Trauer? Ich musste weiter der starke Mann sein. Das Problem, dass mein Vater wie ein Patriarch in unserer kleinen Familie den Ton vorgab, war, dass meine Mutter ohne ihn aufgeschmissen war. Und ich war ihr Superheld. Und habt ihr schonmal Superman wimmern hören?

Das, was dann weh tat, war ein Bericht in einer Ärztezeitung, etwa 8 Jahre später. Ich kannte immer noch die Namen der Tumoren meines Vaters auswendig. Der medizinische Fortschritt. Was zu Zeiten meines Vaters unweigerlich zum Tod führte, war mittlerweile mit guten Erfolgsaussichten heilbar.

Also blieb mir nichts, als das Zepter zu übernehmen, und das Leben ging weiter und ich hielt jeden Schaden, den ich konnte von meiner Mutter ab. Im Gegenteil, durch mich kam meine Mutter wieder in der Welt rum. Eine Reise in ihr Sauerland, wo sie geboren war, es sollte abgesehen von der Beerdigung ihres Bruders die letzte Reise dorthin gewesen sein. Wremen, Bremerhaven, Friedrichskoog, Berlin, Dresden, Leipzig, Hamburg, Nordstrand, Allgäu… wir waren viel unterwegs.

Dann kam der Unfall. Behandlungsfehler. Dinge die ich nicht beeinflussen konnten führten dazu das meine Mutter in den Rollstuhl gefesselt wurde. Querschnittslähmung.

Im Januar ging sie dann. Für immer. Im Nachhinein denke ich, dass sie einfach nicht mehr gewollt hat.

Trauer? Ja, schon und vor allem die Frage, was man selbst falsch gemacht hat. Aber da war nichts. Nichts, was ich hätte ändern können und was nicht zum selben Ergebnis geführt hätte. Eher im Gegenteil. Es kam mir fast so vor, als wenn sie gemerkt hat, dass ich an der Pflege, die immer schwerer wurde, gesundheitlich eingehe und sie mich freigegeben hätte.

Trotzdem, wieso war da dieses große Loch? Nicht mehr um jemand kümmern zu müssen. Plötzlich Zeit für die eigenen Probleme zu haben. Da war einiges, was zu verarbeiten war.

Und was noch da war, war die Wut. Nein, nicht auf die Ärzte… nicht auf den Pflegedienst…, sondern auf das Krankenhaus, welches mir die Chance nahm mich zu verabschieden, der Sache ein Ende zu machen.
Am Donnerstag nach ihrem Tod sollte eine Verabschiedung beim Bestatter im kleinen Kreis stattfinden, ganz so, wie sie es sich gewünscht hat.

Mittwochs kam die Leiche zum Bestatter und der Anruf. Die Verabschiedung kann nicht stattfinden. Das Krankenhaus hat ein Kreuz gesetzt auf infektiös. Corona-Verordnung, da darf es keine Verabschiedung mehr geben.

Wenn es denn so gewesen wäre, hätte ich noch Verständnis gehabt. Doch dann kam der Anruf vom Hausarzt, der seine Bestürzung ausdrückte. So schnell verstorben, das war einfach zu schnell. Ich sprach ihn auf Corona an und er verneinte. Er wühlte den Krankenbericht vom Krankenhaus nochmal raus. Todesursache: Nierenversagen. Corona-Test: negativ. Ein Fehler des Krankenhauses.
Für eine Verabschiedung war es zu spät. Die Leiche war schon auf dem Weg ins Krematorium zur Verbrennung.

Mittlerweile ist auch sie neun Monate tot. Oft genug kommt es mir noch so vor, als wenn sie da wäre, auch wenn ich die meisten Dinge von ihr, bis auf ein paar Erinnerungsstücke, schon ausgeräumt und/oder weggegeben habe. Und im Urlaub, habe ich damit, dass ich eine ihrer letzten Locken der Nordsee übergeben habe, auch mit dem keinen Abschied haben, meinen Frieden gemacht.

Ich habe wieder mit Sport angefangen. Wenn man rumgehen, statische Bewegungsübungen und dergleichen Sport nennen will. Aber mir tut es gut. Es beschäftigt, und trägt dazu bei, dass meine gesundheitlichen Probleme sich verbessern. Und ich mache wieder eigene Pläne.

Männer trauern anders. Trauer dauert bei Männern oft viel länger. Das mag daran liegen, dass die Gesellschaft dem Mann zuschreibt, immer stark sein zu müssen und dass dieser keine Schwäche zeigen darf. Aber gerade in der Trauer ist man verletzlicher als sonst. Das mag aber auch daran liegen, dass Mann sich keine Zeit zum Trauen nimmt oder nehmen kann. Arbeit, Alltagsstress. Alles überlagert, das trauen.

Allzu selbstverständlich ist es, dass Männer keine Tränen zeigen dürfen. Dieses martialische Bild von Männern wurde über Jahrhunderte Jahre geprägt. Geh ins Fitnessstudio und sag mal, dass was zwickt. “Bist Du ein Mann oder eine Memme?”, so oder so ähnlich könnte sich die Antwort anhören. Das ist auch das nächste Problem, was damit einhergeht: Oft haben Männer auch niemand, mit dem sie über ihre Gefühle sprechen können, ohne sich lächerlich gemacht zu fühlen.

Geht es um Ängste und Gefühle, da wird selbst mit dem besten Freund das Gespräch schnell absurd. Den schwachen Mann gibt es gar nicht. Trauer ist was für Loser.

Trauer verbindet aber trennt zugleich. Trauer braucht seine Zeit. Aber man sollte sich bewusst sein, dass Zeit keine Wunden heilt. Die Wunden verblassen nur und werden so erträglicher.

Trauer bringt uns an die Grenzen, zwingt uns aber auch zugleich an unsere eigene Vergänglichkeit zu denken. Zur Trauer gehören Gefühle wie Verzweiflung, Hilflosigkeit, Wut, Angst, Orientierungslosigkeit, Gefühle der Perspektivlosigkeit, Schlafstörungen, Appetitmangel, Schuldgefühle und noch vieles andere mehr. Diese Gefühle zuzulassen gehört zur Trauerbewältigung. Allerdings macht dies oft auch Angst, weil wir mit den Gefühlen unsicher sind und diese uns unsere Schwächen aufweisen.

Trauer ist am Ende aber auch die Erkenntnis: Der Verlust ist unwiderruflich.

Rituale können uns helfen, die Trauer in kanalisierte Wege zu leiten. Für den einen kann dies ein Tagebuch sein, für den nächsten Bilder, Bücher, Gedichte oder bestimmte Lieder. Besonders wichtig sind solche Rituale an Tagen, die einem etwas besonders bedeuten. Namenstage, Geburtstage und oder Todestage.

An den Geburts- und Todestagen zünde ich für meine Eltern eine Kerze an. Am Heiligen Abend, wenn es dunkel wird, gehe ich auf dem Friedhof und werde dieses Jahr erstmals für beide – also meinem Vater und meine Mutter – eine Laterne auf den Friedhof bringen und auf dem anonymen Grabfeld abstellen. Ich wünsche dann meinen Eltern ein frohes Fest und spreche noch mit ihnen, als ob sie da wären, was so seit meinem letzten Besuch passiert ist, was meine Wünsche für die Zukunft sind, und hoffe, dass es ihnen da wo sie sind gut gehen möge und dass sie hoffentlich wieder zusammen sind.
Zur Trauer gehört auch eine Ablösung einzuleiten und zu lernen, dass der Verlust real ist und ihn zu akzeptieren. Es ist auch eine Neuorientierung: Nichts wird mehr sein, wie es mal war. Also auch die Chance auf einen Neuanfang.

Und man sollte sich bewusst sein, dass Trauer zuzulassen und zu zeigen viel Mut und viel Stärke bedeutet, also genau dem Gegenteil von dem, wie wir uns fühlen.
In ein paar Stunden klingelt wieder der Wecker, wie üblich etwas früher als sonst in der Woche. Die Laterne mit der Kerze steht schon bereit…

Foto: canva PRO/Layout: Norbert Beck und canva PRO


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Norbert Beck

Einst wollte er nur laufen, dann kamen gesundheitliche Rückschläge, die Pflege eines Angehörigen und damit ein jahrelanges Leben am gesundheitlichen Limit. Nun ist er wieder auf dem Weg zurück und sagt immer noch "Ich bin schlank, man sieht doch nicht!" Seine Ziele: Gesünder leben, Kilos verlieren, Spaß haben und irgendwann wieder laufen.
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