Eigentlich ist Erfurt für einen Landgang ziemlich praktisch. Ich musste nicht erst vom Bahnhof mit Bus oder Straßenbahn irgendwohin fahren, sondern konnte direkt loslaufen. Vom Hauptbahnhof sind es nur ein paar Minuten bis zum Anger und damit eigentlich schon mitten hinein. Was ich an diesem Tag noch nicht wusste: Am Ende würden 18.992 Schritte auf der Uhr stehen. Ganz so klein sollte die Runde also doch nicht werden.
Angereist bin ich mit der Bahn von Eschwege über Göttingen nach Erfurt. Zurück ging es später auf demselben Weg. Für den eigentlichen Landgang brauchte ich dann keine Bahn und keinen Bus mehr. Die komplette Runde durch Erfurt bin ich zu Fuß gelaufen, was grundsätzlich auch ziemlich gut funktioniert hat. Eine Sache sollte man dabei allerdings mögen – oder wenigstens ertragen können: Kopfsteinpflaster.
Vom Hauptbahnhof ging es zunächst zum Anger. Straßenbahnen, Geschäfte, historische Häuser – eigentlich ist dort alles vorhanden, was man von einem zentralen Platz erwartet. Trotzdem hatte ich nicht das Gefühl, einfach durch eine riesige Einkaufsmeile zu laufen. Und ziemlich schnell tauchte noch etwas auf, das mich den ganzen Tag begleiten sollte.
Erfurt ist Sitz des KiKA und an verschiedenen Stellen der Stadt stehen Figuren bekannter KiKA-Charaktere. Maus und Elefant, Käpt’n Blaubär und Hein Blöd und natürlich irgendwann auch Bernd das Brot. Man kann daraus durchaus eine eigene kleine Stadtrallye machen. Ich hatte allerdings noch ein paar andere Dinge vor.
Von der Innenstadt führte mich mein Weg unter anderem zur Neuen Mühle und weiter zur Barfüßerkirche. Dort hatte ich dann einen dieser Momente, die bei meinen Landgängen inzwischen fast dazugehören: Natürlich war ausgerechnet am Sonntag geschlossen.
Also weiter.
Über kleinere Straßen und an Wasserläufen entlang ging es Richtung Domplatz. Das ist ohnehin etwas, was mir an Erfurt gefallen hat. Man kann sich vorher eine Strecke zurechtlegen, aber unterwegs gibt es genügend Stellen, an denen man einfach mal stehen bleibt oder noch ein paar Meter in eine andere Richtung läuft. Alte Häuser, kleine Straßen, Wasser – und hinter der nächsten Ecke sieht es schon wieder anders aus.
Treppe oder Rumpelpiste?
Am Domplatz stehen der Erfurter Dom und die Severikirche direkt nebeneinander. Schon von unten ist das ziemlich beeindruckend. Dummerweise befinden sich zwischen „unten“ und „oben“ 70 Domstufen.
Ich hatte an diesem Tag wenig Interesse daran, die hochzulaufen, und entschied mich deshalb für den Weg außen herum. Das funktioniert. Wer allerdings glaubt, damit automatisch die komfortable Variante gewählt zu haben, sollte seine Erwartungen etwas herunterschrauben. Auf diesem Weg wartet eine ungefähr 50 Meter lange Passage mit ziemlich üblem Kopfsteinpflaster.
Das war also die Auswahl des Tages: Treppen oder Rumpelpiste.
Ich kam mit dem Kopfsteinpflaster zurecht. Wenn man schlecht zu Fuß ist, einen Rollator benutzt oder aus anderen Gründen mit unebenem Untergrund Probleme hat, sieht die Sache schon anders aus. Erfurt lässt sich zwar gut zu Fuß erkunden, aber „gut zu Fuß erkunden“ bedeutet eben nicht automatisch, dass jeder Weg für jeden gleich gut geeignet ist.
Oben angekommen konnte ich den Dom auch von innen besichtigen. Das war vorher keineswegs so sicher gewesen. Meine Recherche hatte mir nämlich andere Zeiten ausgespuckt und danach hätte es mittags eigentlich schlecht ausgesehen. Vor Ort zeigte sich: Der Dom war zugänglich.
Deshalb würde ich mich gerade am Wochenende nicht blind auf irgendwelche Öffnungszeiten aus dem Internet verlassen. An Dom und Severikirche hängen Hinweise, aus denen hervorgeht, wann Gottesdienste stattfinden und wann eine Besichtigung möglich ist. Und selbstverständlich gilt: Wenn gerade Gottesdienst ist, läuft man nicht als Tourist durch die Kirche und schaut sich nebenbei alles an. Das sollte eigentlich keiner besonderen Erklärung bedürfen.
Im Dom selbst habe ich dann auch gar nicht versucht, jedes Detail mit Jahreszahl und kunsthistorischer Einordnung zu versehen. Manchmal reicht es mir, einfach durch so einen Raum zu gehen und ihn ein paar Minuten auf mich wirken zu lassen.
Eine Toilette weniger
Etwas schade fand ich eine Veränderung, die mir noch von früheren Erfurt-Besuchen aufgefallen ist. Oben am Dom gab es einmal eine öffentliche Toilette. Die hatte ich sogar als ziemlich ordentlich und sauber in Erinnerung. Bei meinem jetzigen Besuch war sie verschwunden.
Eine Toilette gibt es unten am Domplatz weiterhin, in der Nähe des kleinen Bistros beziehungsweise Kiosks. Nur hat sie einen entscheidenden Haken: Der Zugang führt über eine Treppe nach unten. Einen anderen Zugang gibt es nicht. Auch vom Bistro aus kommt man nicht in den Toilettenbereich.
Wer diese Treppe nicht bewältigen kann, hat damit schlicht Pech.
Das ist genau die Art Information, die auf einer Karte zunächst unspektakulär aussieht. „Öffentliche Toilette am Domplatz“ stimmt schließlich. Ob man sie tatsächlich benutzen kann, ist aber eine ganz andere Frage.
Der bequemere Weg auf den Petersberg
Beim Petersberg sieht die Sache erfreulicher aus. Natürlich kann man auch dort den direkten Weg nach oben nehmen. Der ist allerdings stellenweise ziemlich steil und Kopfsteinpflaster gibt es ebenfalls reichlich.
Es gibt aber eine Alternative: Über einen ungefähr 600 Meter langen Panoramaweg kommt man zu einem Aufzug. Der Weg steigt nur leicht an und war für mich die deutlich angenehmere Variante. Die paar zusätzlichen Meter nehme ich dann gerne in Kauf, wenn ich dafür nicht irgendwo einen steilen Kopfsteinpflasterweg hochstapfen muss.
Oben lohnt es sich ohnehin, nicht sofort wieder umzudrehen. Man hat von dort einen schönen Blick über Erfurt und kann anschließend wieder Richtung Altstadt weiterziehen.
Mein nächstes Ziel war der Fischmarkt mit dem Rathaus. Und dort steht eine Figur, die im Video nur ziemlich kurz vorkommt: der Erfurter Roland.
Wobei das schon wieder nicht ganz stimmt.
Ein Roland, der eigentlich ein Römer ist
Die Figur am Fischmarkt wurde 1591 vom Bildhauer Israel von der Milla geschaffen. Damals wurde sie allerdings nicht als Roland aufgestellt, sondern als „Römer“ beziehungsweise „Mann“. Erst später wurde aus der Figur der „Roland“.
Das gefällt mir fast besser als die einfache Erklärung, Erfurt habe halt auch einen Roland. Man steht vor der Figur, liest „Roland“ und denkt sich nichts weiter dabei. Und dann stellt sich heraus: Der Mann hat gewissermaßen irgendwann im Laufe der Jahrhunderte den Beruf gewechselt.
Solche Geschichten mag ich.
Direkt am Fischmarkt wartet außerdem wieder das Thema KiKA. Und spätestens bei Bernd dem Brot wurde es dann persönlich. Sehr persönlich.
Ich weiß bis heute nicht genau, was Bernd da geritten hat, aber plötzlich befand ich mich in einer Situation, in der ein Kastenbrot offensichtlich der Meinung war, mir ziemlich nahekommen zu müssen.
Nur fürs Protokoll: Das ging von Bernd aus, nicht von mir. Ich möchte schließlich nicht, dass hinterher irgendwelche Gerüchte über meine Beziehung zu Backwaren entstehen.
Auf einer Brücke, die sich nicht wie eine Brücke anfühlt
Von dort ging es weiter zur Krämerbrücke. Natürlich kennt man die Bilder. Trotzdem ist es etwas anderes, tatsächlich darüberzulaufen. Die Häuser stehen direkt auf der Brücke, und wenn man zwischen Häusern und Geschäften unterwegs ist, vergisst man zwischendurch beinahe, dass man gerade einen Fluss überquert.
Auf der anderen Seite landete ich am Wenigemarkt. Auch wieder so eine Stelle, an der ich problemlos länger hätte bleiben können.
Genau da liegt für mich inzwischen ein wesentlicher Teil dieser Landgänge. Ich kann mir vorher Sehenswürdigkeiten heraussuchen und einen ungefähren Weg überlegen. Wenn ich unterwegs aber nur damit beschäftigt bin, meine Liste abzuarbeiten, kann ich mir den Spaziergang fast sparen. Interessanter wird es meistens dort, wo ich einfach durch eine Straße laufe und schaue, was mir auffällt.
Und Erfurt bietet davon ziemlich viel.
In der Karte habe ich meinen tatsächlich gelaufenen Weg eingezeichnet. Dazu kommen der Hauptbahnhof als Mobility Point, die wichtigsten Stationen meines Landgangs und die öffentlichen Toiletten. Gerade beim Domplatz sollte man allerdings die Sache mit der Treppe im Hinterkopf behalten.
Irgendwann war dann trotzdem Schluss. Nicht weil mir in Erfurt nichts mehr eingefallen wäre, sondern weil ein Landgang auch irgendwann genug Landgang gewesen ist. 18.992 Schritte sind für einen Tag schließlich nicht nichts.
Auf dem Rückweg zum Hauptbahnhof kam dann noch ein Ort, an dem man ziemlich leicht vorbeilaufen könnte, obwohl dort deutsche Geschichte geschrieben wurde: der ehemalige Erfurter Hof.
Am 19. März 1970 traf Bundeskanzler Willy Brandt hier den DDR-Ministerpräsidenten Willi Stoph. Es war das erste deutsch-deutsche Gipfeltreffen. Vor dem Hotel versammelten sich Tausende Menschen. Schließlich waren die Rufe „Willy Brandt ans Fenster“ zu hören – und Brandt zeigte sich tatsächlich am Fenster des Hotels.
Heute erinnert der große Schriftzug am Gebäude daran.
Und damit war ich wieder fast dort, wo mein Landgang begonnen hatte: am Hauptbahnhof. Ich hatte längst nicht alles gesehen. Das war aber auch nicht der Plan.
Erfurt ist nach diesem Tag für mich jedenfalls keine Stadt, bei der ich sagen würde: erledigt, Haken dran. Dafür sind unterwegs zu viele Dinge liegen geblieben, bei denen ich noch einmal genauer hinschauen könnte.
Aber irgendwann muss man eben seinen Zug bekommen.
Also zurück über Göttingen nach Eschwege.
Und Bernd blieb in Erfurt.
Bildinformationen:
Foto: Norbert Beck, mit ChatGPT bearbeitet
Komposition des Beitragsbildes: Norbert Beck / KI
Rechtschreibung
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