Es gibt Wege, die kennt man irgendwann so gut, dass man kaum noch bewusst hinschaut. Man weiß, wo es bergauf geht, wo die nächste Kurve kommt und an welcher Stelle man besser nicht versucht, neue Geschwindigkeitsrekorde aufzustellen.
So geht es mir mit den Wegen rund um den Leuchtberg.
Ich bin dort früher viel gelaufen und mit dem Rad unterwegs gewesen. Ein Stück der Strecke habe ich für mich irgendwann „Achterbahn“ getauft. Nicht weil dort jemand Eintritt kassiert, sondern weil es ständig hoch und runter geht und man auf dem Fahrrad durchaus Freude entwickeln kann, wenn man die Sache mit der Vernunft nicht übertreibt.
An diesem Tag war ich wieder dort unterwegs.
Eigentlich nichts Besonderes.
Bis ich etwas hörte.
Da gluckert doch was
Wasser.
Genauer gesagt: der Dünzebach.
Das klingt erst einmal nicht nach einer Meldung, für die man eine Sondersendung unterbrechen müsste. Ein Bach führt Wasser. Sensationell.
Nur kenne ich den Dünzebach anders.
Nach meiner Erfahrung ist dort gerade in den wärmeren Monaten häufig nicht besonders viel mit Bach. Im Jahr zuvor hatte ich ihn schon um Ostern herum trocken erlebt. Deshalb blieb ich diesmal tatsächlich stehen, als ich das Gluckern hörte.
Da floss richtig Wasser.
Nicht nur irgendwo ein bisschen feuchter Boden oder eine Pfütze, die sich vorgenommen hatte, Karriere zu machen. Der Bach plätscherte tatsächlich vor sich hin.
Und plötzlich sah ein Weg, den ich unzählige Male entlanggekommen bin, ein bisschen anders aus.
Bekanntes Gelände, neue Geräusche
Vielleicht fallen einem solche Dinge gerade deshalb auf, weil man einen Ort gut kennt.
Wenn ich zum ersten Mal dort gewesen wäre, hätte ich vermutlich einfach gedacht: Da ist eben ein Bach.
Fertig.
Aber wenn man weiß, wie still diese Stelle sonst sein kann, bekommt so ein bisschen fließendes Wasser plötzlich Aufmerksamkeit.
Auch die Vögel schienen etwas davon zu haben. Einige nutzten das Wasser zum Baden, während ich danebenstand und mich darüber wunderte, dass ausgerechnet ein Bach meine Tour interessanter machte.
So viel braucht es manchmal offenbar nicht.
Ich musste dafür keine neue Sehenswürdigkeit entdecken und auch keinen geheimen Aussichtspunkt finden. Ich war auf einem Weg unterwegs, den ich schon lange kenne.
Nur diesmal hörte er sich anders an.
Mein altes Revier
Mit dieser Gegend verbinde ich einiges.
Ich bin hier gelaufen, gefahren und habe vermutlich auf manchen Abschnitten mehr Zeit verbracht, als vernünftige Menschen freiwillig auf denselben Wegen verbringen würden. Deshalb hängen an solchen Strecken auch Erinnerungen.
An frühere Läufe.
An Stellen, an denen es bergab plötzlich sehr schnell werden konnte.
Und an die Erkenntnis, dass das eigene Gedächtnis manche Steigungen wesentlich harmloser abspeichert, als sie tatsächlich sind.
Vielleicht mag ich solche vertrauten Wege genau deshalb noch immer. Man kennt sie und findet trotzdem gelegentlich etwas, das nicht ins gewohnte Bild passt.
Diesmal war es Wasser.
Der Dünzebach gluckerte vor sich hin, die Vögel nahmen ein Bad und ich stand daneben und dachte:
Hier läuft doch was falsch.
Zum Glück.
Foto: Norbert Beck / Beitragsbild-Layout: Norbert Beck