Der Bruch im kleinen Teich

Die Bruchteiche bei Bad Sooden-Allendorf gehören zu den Strecken, auf denen ich immer wieder unterwegs bin. Zwei Teiche nebeneinander, die man wunderbar in einer großen Acht umrunden kann. Am Ende stehen dann ungefähr 10,5 Kilometer auf der Uhr.

Heute klingt das für mich nach einer schönen Trainingsrunde. Vor eineinhalb Jahren hätte ich bei der Entfernung wahrscheinlich noch gefragt, ob irgendwo ein Bus fährt. Damals war schon der Weg vom Auto zum Briefkasten eine Herausforderung. Entsprechend gern bin ich inzwischen dort unterwegs.

Am liebsten früh morgens. Dann ist es ruhig, die Luft angenehm und mit etwas Glück sieht man Tiere, bevor der restliche Betrieb beginnt. Später übernehmen Spaziergänger, Wandergruppen und Angler das Gelände. Besonders die Angler faszinieren mich immer wieder. Manche bauen am Wasser eine Ausrüstung auf, mit der man vermutlich auch problemlos zwei Wochen im Amazonasdelta überleben könnte.

Für mich war das früher manchmal etwas ungünstig. Als ich beim Training noch häufiger Pausen brauchte, waren ausgerechnet die Bänke gern von halben Campinglandschaften umgeben.

Doch irgendwann fiel mir etwas anderes auf.

Die Angler waren weg.

Mit dem kleinen Teich stimmte etwas nicht

Das Wasser im kleinen Bruchteich sah schon seit einiger Zeit nicht besonders einladend aus. Ein grünlicher Belag lag auf Teilen der Oberfläche, und auch sonst wirkte der Teich nicht gerade gesund. Dazu kam etwas, das ich zunächst überhaupt nicht einordnen konnte: Sobald ich an bestimmten Stellen am Wasser entlangkam, bekam ich immer wieder Hustenreiz.

Als Asthmatiker reagiert meine Lunge auf allerlei Dinge ziemlich schnell. Zigarettenqualm reicht dafür ebenso wie Rauch oder andere unangenehme Luft. Ob mein Husten an den Bruchteichen tatsächlich etwas mit dem Zustand des Wassers zu tun hatte, weiß ich nicht. Auffällig war es für mich trotzdem.

Auch bei den Tieren hatte ich den Eindruck, dass sich etwas verändert hatte. Enten und Schwäne waren deutlich weniger zu sehen als sonst.

Dann las ich, was passiert war.

Aus dem kleinen Bruchteich waren rund eine Tonne tote Fische geborgen worden.

Plötzlich erklärte sich zumindest, warum dort niemand mehr seine Angel ins Wasser hielt.

Eine Tonne tote Fische

Nach den damaligen Berichten war das Wasser stark belastet. Hitze, niedriger Wasserstand und eine problematische Ammonium- beziehungsweise Ammoniakbelastung spielten dabei eine Rolle. Feuerwehr, THW, DLRG und Angler versuchten, mit Pumpen und zusätzlichem Sauerstoff die Situation zu verbessern und noch lebende Fische zu retten.

Das Ganze wirkte ziemlich bedrückend.

Noch wenige Tage vorher war der kleine Teich für mich einfach ein Bestandteil meiner Trainingsrunde gewesen. Eine Stelle, an der man vorbeiläuft, aufs Wasser schaut und sich vielleicht darüber ärgert, dass schon wieder jemand eine Bank komplett mit Angelausrüstung besetzt hat.

Nun lag dort ein Gewässer, in dem massenhaft Fische verendet waren.

Man versuchte Wasser umzuwälzen und Sauerstoff hineinzubringen. Gleichzeitig blieb ein Problem bestehen, das sich nicht einfach mit einer Pumpe lösen ließ: Es war viel zu trocken.

Der Sommer 2022 war heiß. Sehr heiß. Und Regen war zeitweise eher etwas, an das man sich dunkel erinnerte. Wenn dann tatsächlich etwas vom Himmel kam, reichte es oft kaum, um den Staub zu binden.

Auf kräftigen Regen zu hoffen, war deshalb nicht gerade ein verlässlicher Rettungsplan.

Wenn der gewohnte Weg plötzlich anders aussieht

Ich beschloss zunächst, die Strecke zu meiden.

Nicht aus Angst vor dem Teich, sondern weil es dort schlicht nicht angenehm war. Der Geruch, das Wissen um die verendeten Fische und mein wiederkehrender Hustenreiz machten aus einer Strecke, auf der ich normalerweise gern unterwegs war, plötzlich keinen besonders schönen Ort mehr.

Also schaute ich mich anderswo um.

Bei Albungen gibt es eine Stelle, die ich für mich gern als „Nordkap“ bezeichne. Dort trifft ein alter Werraarm auf den Fluss. Auch dort war die Trockenheit deutlich zu sehen. Schilf stand trocken, an manchen Stellen roch es modrig und die Farben bewegten sich irgendwo zwischen Grün, Braun und „hier fehlt eindeutig Wasser“.

In diesem Sommer fühlte sich Klimawandel für mich jedenfalls nicht mehr besonders abstrakt an.

Natürlich kann ich nicht behaupten, dass jedes tote Tier, jeder niedrige Wasserstand und jede Alge direkt mit einem einzigen Begriff erklärt werden kann. Dafür sind solche Vorgänge zu komplex. Aber wenn man über Wochen Hitze erlebt, kaum Regen fällt und Gewässer sichtbar leiden, dann bekommt das Thema eine andere Nähe.

Es steht dann nicht mehr nur in irgendeiner Klimagrafik.

Es liegt direkt neben dem Weg, auf dem man sonst seine Trainingsrunde dreht.

Eine Strecke ist eben mehr als eine Zahl auf der Uhr

Vielleicht hat mich die Sache auch deshalb beschäftigt, weil die Bruchteiche für mich inzwischen mehr geworden waren als zwei Gewässer mit einem Weg drumherum.

Dort konnte ich wieder Strecken gehen und laufen, die lange Zeit überhaupt nicht denkbar gewesen wären. 10,5 Kilometer waren für mich nicht einfach nur eine Zahl auf der Smartwatch. Sie standen dafür, dass ich wieder mehr konnte als noch eineinhalb Jahre zuvor.

Und ausgerechnet dieser vertraute Ort sah plötzlich ziemlich kaputt aus.

Natürlich werden die Bruchteiche deshalb nicht für immer verloren sein. Gewässer verändern sich, Maßnahmen können helfen und irgendwann wird hoffentlich auch wieder ausreichend Wasser von oben kommen.

Aber dieser Sommer hat mir gezeigt, wie schnell aus einer selbstverständlichen Kulisse etwas werden kann, über das man plötzlich nachdenken muss.

Bis dahin suche ich mir eben andere Wege.

Davon gibt es zum Glück genug.

Und wenn ich irgendwann wieder meine Acht um die Bruchteiche drehe, hoffe ich vor allem auf eines: dass dort wieder mehr Fische schwimmen als Einsatzkräfte pumpen.

Foto: Norbert Beck und canva PRO / Beitragsbild-Layout: canva PRO und Norbert Beck


Rechtschreibung

Die Interpunktion und Orthographie dieses Textes sind frei erfunden. Eine Übereinstimmung mit aktuellen oder ehemaligen Rechtschreibregeln wäre rein zufällig und ist nicht beabsichtigt.

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