Das ist nicht mehr mein Milljöh

Berlin, ick hab mir mal janz dolle in Dir verliebt.

Wirklich.

Dit war nich bloß so’n „Ach, Berlin is ganz nett“-Ding. Nee, ick mochte diese Stadt richtig. Dit Chaos, die Schnauze, die Geschichte, die Leute, die Ecken, wo keen Hochglanzprospekt jemals hingekommen wäre. Berlin war für mich Juhnke, Hallervorden, Herz mit Schnauze und dieses Gefühl, dass hinter der nächsten Ecke wieder wat passieren konnte.

Und heute?

Heute krieg ick manchmal Plaque.

Ausgelöst hat dit wieder mal ein Text im Netz. Da ging’s darum, wat Touristen in Berlin so alles falsch machen und wie sehr se nerven. Klar, Touris können nerven. Die stehen im Weg, bleiben mitten uffm Bürgersteig stehen, gucken ratlos auf Karten und bilden manchmal Menschentrauben, wo vorher noch ein Durchgang war.

Aber da hab ick mir gedacht: Leute, seid doch froh, dass die kommen.

Berlin lebt schließlich ooch davon, dass Menschen die Stadt sehen wollen. Also kann man sich über Besucher ärgern, klar. Aber vielleicht sollte man sich gleichzeitig fragen, warum die überhaupt kommen und wat sie vorfinden.

Und da fängt mein Problem an.

Berlin war für mich mal wat Besonderes

Ick war kurz vor der Wende dit erste Mal in Berlin. Klassenfahrt.

Wir standen im Osten, fragten einen VoPo nach dem Weg und mein Kumpel hatte dabei ungefähr den Gesichtsausdruck eines Menschen, der innerlich schon sein Testament schreibt. Wir waren bei Didi in den Wühlmäusen, im Zoo und ick war dort ooch das erste Mal in einer Disco.

Berlin war laut, groß und vollkommen anders als zuhause.

Später kam ick immer wieder. Als Autogrammjäger, mit Kamera, nachts von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten. Ick kannte irgendwann Ecken, wo ick ohne Stadtplan hinfand, und andere, wo ick mich jedes Mal wieder verlief.

War Berlin damals sauber?

Nö.

Berlin war noch nie die Stadt, in der man vom Gehweg hätte essen wollen.

Aber irgendwat war anders. Für mich jedenfalls.

Die Leute wirkten entspannter. Man konnte irgendwo reingehen, ohne drei Wochen vorher einen Tisch zu reservieren, und man hatte nich überall sofort das Gefühl, dass aus jedem normalen Erlebnis noch irgendwie ein Premiumprodukt mit Aufpreis gemacht werden muss.

Vielleicht verkläre ick da ooch wat. Kann sein.

Erinnerungen sind schließlich keine amtlichen Messwerte.

Meine Mutter, Berlin und ein geklauter Fuffi

Berlin hängt für mich ooch stark an Erinnerungen mit meiner Mutter.

Eine davon würde ick allerdings gern aus dem Gedächtnis streichen.

Wir waren in einer Kirche, ick war kurz abgelenkt, und danach fehlte meiner Mutter ein Fuffi. Vermutlich von einem Jungen aus der Tasche gezogen.

Kannste jetzt sagen: Sowat passiert überall.

Stimmt.

Aber wenn dit jemandem passiert, der direkt neben Dir steht und körperlich sowieso schon eingeschränkt is, dann bleibt dit hängen.

Genauso wie andere Szenen.

Meine Mutter brauchte später öfter Hilfe. Treppen, Wege, Türen – lauter Dinge, über die ein gesunder Mensch meistens nich nachdenkt.

Und wer half?

Oft genug nich die, die sich besonders laut darauf was einbildeten, „echte Berliner“ zu sein.

Es waren teilweise genau die Jungs, über die andere abfällig redeten und Begriffe benutzten, bei denen ick heute noch Ausschlag kriege.

Die haben angepackt.

Einfach so.

Deswegen hab ick mit pauschalen Urteilen über „die Leute“ bis heute ein Problem. Berlin hat mir beides gezeigt: Arschlöcher und Menschen, die helfen.

Manchmal im Abstand von fünf Minuten.

Dit Nikolaiviertel und die Sache mit der Erinnerung

Früher war ick mit meiner Mutter gern im Nikolaiviertel.

Da gab’s Kalbsleber mit Äpfeln und Zwiebeln, bei der sie mit den Ohren schlackerte. Dit war nich schickimicki, dit war einfach Essen, bei dem man danach wusste, warum man hingegangen war.

Wenn ick heute durch manche touristische Ecke laufe, hab ick öfter dit Gefühl, dass nich mehr gefragt wird: „Wat passt hierher?“

Sondern eher: „Wat können wa den Leuten verkaufen?“

Mini-Portion, großer Teller, Preis wie Apotheke.

Natürlich gibt’s in Berlin hervorragendes Essen. Dit bestreit ick überhaupt nich. Da kannste auf höchstem Niveau essen, da gibt’s Küchen aus aller Welt, da findest Du Läden, die wirklich wat können.

Aber manchmal fehlt mir einfach dit Normale.

Hausmannskost.

Ein Laden, wo man reingeht, wat Ordentliches kriegt und danach nich prüfen muss, ob man noch Geld für die Rückfahrt hat.

Vielleicht bin ick da altmodisch.

Kann ick mit leben.

Berlin war ooch meine größte sportliche Klatsche

Berlin is für mich nich nur Urlaub, Essen und alte Erinnerungen.

Berlin is ooch der Ort einer meiner größten sportlichen Enttäuschungen.

Ick war damals fit, schlank und hatte einen Startplatz für den Marathon.

Und dann kam alles anders.

Meine Mutter wurde krank, bei mir lief einiges schief und beim Lauf war nach wenigen Kilometern Schluss. Sturz, Wunde wieder offen, Ende.

Dit hat gesessen.

Du trainierst, freust Dich uff so einen Tag und dann is nach Kilometer fünf Feierabend.

Seitdem hab ick tatsächlich noch einen Koffer in Berlin.

Nur is der manchmal weniger mit Sehnsucht gefüllt als mit Enttäuschung.

Und dit macht wat mit dem Blick auf eine Stadt.

Berlin macht es Besuchern manchmal ooch unnötig schwer

Dann liest man Beschwerden über Touristen.

Die fahren falsch.

Die stehen falsch.

Die kaufen falsche Tickets.

Die benehmen sich falsch.

Ja, gibt’s alles.

Aber habt ihr euch manche Automaten eigentlich mal angekickt?

Ick stand schon daneben, wenn selbst Leute aus der Stadt nich genau wussten, welches Ticket gerade das richtige is. Und wenn schon der Einheimische anfängt mit „Ick gloobe, Sie brauchen …“, dann kannste dem Touristen vielleicht nich vorwerfen, dass der nach zehn Minuten dit Gesicht eines Menschen hat, der gerade seine Steuererklärung auf Klingonisch ausfüllen soll.

Ähnlich is dit mit öffentlichen Toiletten.

Wenn Toiletten geschlossen sind, fehlen oder irgendwo nur gegen ordentlich Geld zugänglich sind, dann braucht sich am Ende ooch niemand wundern, wenn bestimmte Ecken entsprechend riechen.

Schön is dit nich.

Aber immer nur auf „die Touristen“ zu zeigen, is mir zu einfach.

Berlin hat genug eigene Probleme.

Dafür braucht man keene Besucher.

Vielleicht bin ick ooch einfach nich mehr derselbe

Dit is vielleicht der Punkt, den ick mir selbst eingestehen muss.

Vielleicht hat sich nich nur Berlin verändert.

Vielleicht hab ick mich ooch verändert.

Mit zwanzig findest Du manches chaotisch und aufregend. Später denkste bei derselben Szene: Muss dit jetzt sein?

Früher war ick begeistert, wenn Berlin die ganze Nacht wach war. Heute würd ick manchmal gern wissen, ob die Stadt zwischendurch nich einfach mal kurz die Klappe halten kann.

Früher wollte ick immer wieder hin.

Heute überlege ick öfter, ob ick nich lieber nach Hamburg fahre.

Da krieg ick Wasser, Hafen, Fähren und ein „Moin“, und danach is erstmal alles gesagt.

Berlin dagegen erklärt sich gern selbst.

Laut.

Sehr laut.

Trotzdem krieg ick Dich nich ganz los

Und dit is ja dit Ärgerliche.

Wenn Berlin mir wirklich vollkommen egal wäre, würde ick mich über all dit Zeug gar nich aufregen.

Dann würd ick einfach nich mehr hinfahren.

Mach ick aber nich.

Da sind zu viele Erinnerungen. An meine Mutter. An die Klassenfahrt. An Hallervorden. An Nächte mit der Kamera. An Essen, an Leute, an Orte und eben ooch an diesen verdammten Marathon.

Berlin war mal eine Stadt, in die ick mich verliebt hatte.

Heute komme ick zurück und erkenne manches kaum wieder.

Vielleicht is dit normal.

Städte verändern sich.

Menschen ooch.

Und manchmal merkt man irgendwann, dass man zwar noch weiß, warum man sich verliebt hat, aber nich mehr genau, warum man eigentlich noch zusammen is.

Um’s mit Zille zu halten:

Berlin, Du bist nich mehr mein Milljöh.

Sorry, wa.

Foto: canva PRO / Beitragsbild-Layout: canva PRO und Norbert Beck


Rechtschreibung

Die Interpunktion und Orthographie dieses Textes sind frei erfunden. Eine Übereinstimmung mit aktuellen oder ehemaligen Rechtschreibregeln wäre rein zufällig und ist nicht beabsichtigt.

Fehler? Klar, ich bin auch nur ein Mensch! Vor der Veröffentlichung lasse ich meine Blogposts von einer KI (z. B. ChatGPT) auf Rechtschreibung und Grammatik prüfen, um die gröbsten Patzer auszumerzen. Das Ergebnis ist sauberer als so mancher Zeitungsbeitrag – und das will was heißen! 😉

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