Es gibt Dinge, bei denen hätte ich vor einiger Zeit noch behauptet, dass sie mir garantiert nicht passieren. Dazu gehört zum Beispiel, dass ich morgens vor dem Frühstück irgendwo mitten im Wald herumlaufe.
Nun ja.
Kurz vor sieben Uhr stand ich im Roten Moor in der Rhön.
Immerhin hatte sich das frühe Aufstehen gelohnt. Über dem Moor hing noch der Morgennebel, dahinter kam langsam die Sonne hoch und außer ein paar Vögeln war nicht sonderlich viel zu hören. Um diese Uhrzeit scheint selbst die Natur noch darüber nachzudenken, ob sie wirklich schon aufstehen möchte.
Ich war dagegen schon unterwegs. Freiwillig sogar.
Vom Parkplatz am NABU-Haus führt der Moor-Rundweg zunächst in Richtung Infohütte und von dort weiter auf den eigentlichen Moorlehrpfad. Meine aufgezeichnete Runde kam am Ende auf etwa 3,26 Kilometer. Das ist jetzt keine Strecke, für die man vorher sein Testament machen muss, und auch das Höhenprofil hält sich erfreulich zurück.
Genau das war einer der Gründe, weshalb ich mir den Weg ausgesucht hatte. Ich kann zwar inzwischen wieder einiges laufen, aber zwischen „einiges laufen“ und „wir nehmen jetzt mal noch zweihundert Höhenmeter mit, weil die Aussicht bestimmt schön ist“ besteht bei mir weiterhin ein gewisser Unterschied.
Der Bohlenpfad durch das Moor wird als barrierearm beschrieben. Und ja, grundsätzlich lässt er sich wirklich gut gehen. Besonders breit ist er allerdings nicht. Damit sich zwei Menschen begegnen können, gibt es deshalb immer wieder kleine Ausweichstellen. Einige Bohlen stehen außerdem etwas höher oder tiefer als ihre Nachbarn.
Für mich kein großes Problem. Im Rollstuhl würde ich an manchen Stellen vermutlich trotzdem kurz mit dem Holzweg über die genaue Definition von „barrierearm“ diskutieren.
Schon kurz nach der Infohütte wird deutlich, warum man hier auf dem Weg bleiben soll. Das Rote Moor gehört zu den besonders geschützten Bereichen des Biosphärenreservats Rhön. Also nicht querfeldein laufen, keinen Müll hinterlassen und möglichst auch nicht versuchen, dem gesamten Moor mitzuteilen, dass man gerade da ist.
Eigentlich Regeln, die man in der Natur sowieso erwarten sollte.
Und dann ging es hinein.
Ein Moor, das schon einiges hinter sich hat
Wer heute auf dem Bohlenweg durch das Rote Moor läuft, sieht eine Landschaft, die ziemlich friedlich wirkt. Das war allerdings nicht immer so.
Über viele Jahrzehnte wurde hier Torf abgebaut. Insgesamt dauerte die Abtorfung rund 175 Jahre und hinterließ deutliche Spuren. Große Bereiche des ursprünglichen Hochmoores wurden dabei stark geschädigt. Ende der 1970er-Jahre begann man damit, das Moor wieder zu renaturieren und vor allem Wasser in der Fläche zu halten.
Das klingt zunächst ziemlich unspektakulär. Ein paar Dämme bauen, Gräben schließen, Wasser drinlassen. Fertig.
Bei einem Hochmoor ist Wasser allerdings ungefähr so unwichtig wie Strom bei einem Computer.
Ohne ausreichend Feuchtigkeit funktioniert das ganze System nicht. Torfmoose speichern Wasser, abgestorbenes Pflanzenmaterial wird wegen des Sauerstoffmangels nur sehr langsam zersetzt und über sehr lange Zeiträume entsteht daraus Torf. Das Rote Moor hat für diese Arbeit übrigens einen kleinen zeitlichen Vorsprung: Seine Entwicklung begann nach der letzten Eiszeit vor ungefähr 12.000 Jahren.
Da wirken meine paar Jahrzehnte plötzlich geradezu hektisch.
Auf meinem Weg kam ich auch am sogenannten Karpatenbirkenwald vorbei. Gerade am frühen Morgen passt dieser lichte, etwas eigenwillige Wald ziemlich gut zur Landschaft. Nebel zwischen den Bäumen, nasser Boden, dazwischen die Birken – man muss hier gar nicht anfangen, künstlich irgendwelche mystischen Geschichten zu erfinden.
Das Moor erledigt die Kulisse schon selbst.
Später öffnet sich der Blick wieder und man kommt am Moorstausee vorbei. Auch er gehört zu den Maßnahmen, mit denen Wasser im Gebiet gehalten wird. Nach den ersten Renaturierungsarbeiten ab 1979 wurden in den vergangenen Jahren weitere Maßnahmen notwendig, weil ältere Einrichtungen zum Wasserrückhalt ihre Wirkung verloren hatten.
Ein Moor ist offenbar auch so ein Projekt, bei dem man nie endgültig sagen kann: So, fertig.
Und natürlich steht da ein Aussichtsturm
Irgendwann kam ich an den Aussichtsturm.
Ich sah ihn.
Ich sah die Treppe.
Die Treppe sah vermutlich mich.
Wir waren uns sofort unsympathisch.
Wer hier schon länger mitliest, kennt meine innige Beziehung zu Treppen. Ich halte sehr viel von ihnen, solange andere Menschen sie benutzen. Trotzdem bin ich hoch.
Von oben bekommt man einen deutlich besseren Eindruck davon, wie groß die Moorlandschaft eigentlich ist. Dazu kam an diesem Morgen die tief stehende Sonne über dem Nebel.
Dafür kann man dann auch mal ein paar Stufen ertragen.
Wieder unten ging der Bohlenpfad irgendwann in einen normalen Waldweg über. Den fand ich sogar angenehmer zu laufen. Danach führt die Runde durch den Wald zurück in Richtung Ausgangspunkt.
Und spätestens dort stellte sich eine wichtige Frage.
Warum heißt das eigentlich Rotes Moor?
Kurz vor dem Ende meiner Runde sah ich mich noch einmal um.
Grau.
Grün.
Braun.
Viel Moor.
Nur mit dem Rot wurde es schwierig.
Im Video kam ich deshalb zu der wissenschaftlich vermutlich noch nicht ausreichend untersuchten Feststellung, dass Donald Trump das Gebiet wahrscheinlich längst in „Graues Moor mit grünen Flecken“ umbenannt hätte.
Wenn irgendwo ein Name nicht mehr hundertprozentig zur gewünschten Wirklichkeit passt, muss schließlich gehandelt werden.
Allerdings tue ich dem Roten Moor damit Unrecht.
Der Name hat tatsächlich mit seiner Pflanzenwelt zu tun. Im verbliebenen Hochmoor wächst unter anderem das Rote Magellans-Torfmoos. Dieses Torfmoos kann eine deutlich rötliche Färbung annehmen und ist typisch für das Gebiet.
Das Rot ist also durchaus da.
Es hat nur offenbar beschlossen, sich bei meinem Besuch nicht besonders aufzudrängen.
Meine Runde durchs Rote Moor
Wer sich den Weg genauer ansehen möchte, findet auf der folgenden Karte meine aufgezeichnete Runde. Start und Ziel liegen am Parkplatz beim NABU-Haus. Eingetragen habe ich außerdem unter anderem die Infohütte, den Bohlenpfad, den Blick über den Moorsee, den Aussichtsturm und den Weg zurück durch den Wald.
Die komplette Runde war bei mir etwa 3,26 Kilometer lang. Der eigentliche Moorlehrpfad nimmt davon nur einen Teil ein; der Rest führt vom Parkplatz zum Lehrpfad und anschließend durch den Wald wieder zurück.
Was mir an der Strecke gefallen hat: Man muss kein besonders geübter Wanderer sein, um etwas von dieser Landschaft zu sehen. Der Weg verläuft überwiegend eben oder mit nur geringen Steigungen. Unterwegs gibt es Sitzmöglichkeiten, wobei ich persönlich gegen ein oder zwei zusätzliche Bänke nichts einzuwenden hätte.
Meine Beine hätten vermutlich sogar eine Petition dafür unterschrieben.
Am schönsten fand ich aber tatsächlich die Uhrzeit.
Natürlich kann man das Rote Moor auch mittags besuchen. Dann hat vermutlich sogar das Bistro am NABU-Haus geöffnet, was gegenüber meinem Besuch einen entscheidenden Vorteil besitzt.
Frühstück.
Als ich mich dem Ausgangspunkt wieder näherte, war es noch nicht einmal sieben Uhr. Laut den angegebenen Öffnungszeiten hatte ich damit ungefähr drei Stunden Vorsprung.
Man kann eben nicht alles haben.
Dafür hatte ich den Sonnenaufgang über dem Moor, Morgennebel zwischen den Bäumen und über weite Strecken eine Ruhe, die man an gut besuchten Ausflugszielen wahrscheinlich nicht den ganzen Tag findet.
Und genau deshalb würde ich es wieder so machen.
Vielleicht nicht jeden Morgen. Man muss es mit der neu entdeckten Begeisterung für Aktivitäten vor dem Frühstück schließlich auch nicht gleich übertreiben.
Aber für das Rote Moor?
Da darf der Wecker noch einmal etwas früher klingeln.
Bildinformationen:
Foto: Norbert Beck, mit ChatGPT bearbeitet
Komposition des Beitragsbildes: Norbert Beck / KI
Rechtschreibung
Die Interpunktion und Orthographie dieses Textes sind frei erfunden. Eine Übereinstimmung mit aktuellen oder ehemaligen Rechtschreibregeln wäre rein zufällig und ist nicht beabsichtigt.
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