Machen wir uns doch nichts vor: Drei mickrige Hafertage direkt vor dem großen Aderlass bügeln die kulinarischen Sünden von drei ganzen Monaten einfach nicht aus. So viel Hafer könnte vermutlich nicht einmal ein ausgewachsenes Pferd verdrücken, um meine persönlichen Ernährungseskapaden kurzfristig aus der Blutbahn zu fegen. Wer ernsthaft dachte, der liebe Gott der Laborwerte ließe sich mit ein paar Alibi-Getreideflocken bestechen, wird vom Langzeitzuckerwert knallhart auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.
Das Ergebnis war dementsprechend: bescheiden. Zwar um grandiose 0,3 Punkte besser als beim letzten Mal, aber eben immer noch in der Kategorie „du bist ja Zucker-Süß“. Nicht auf die charmante Art, sondern eher auf die Art, bei der die Ärztin bedeutungsvoll die Augenbraue hebt und man selbst plötzlich ein sehr intensives Interesse an der Maserung des Schreibtisches entwickelt. Aber man muss die kleinen Siege feiern, wie sie fallen. Immerhin ging es nicht weiter nach oben. Das ist medizinisch betrachtet vielleicht noch kein Grund für eine Polonaise durch das Wartezimmer, aber wenigstens ein kleiner Schritt in die richtige Richtung.
Mein Cholesterin hatte sich urplötzlich ebenfalls wieder eingekriegt. Offenbar hatte es seine rebellische Phase beendet, die Lederjacke an den Nagel gehängt und beschlossen, sich künftig wieder halbwegs gesellschaftsfähig zu benehmen. Auch beim Gewicht fehlten – völlig zu meiner eigenen Überraschung – ein paar Kilos auf der Waage. Wo genau die sich verabschiedet hatten und warum sie mir nicht wenigstens eine Postkarte hinterließen, weiß kein Mensch. Manchmal läuft es eben einfach, auch wenn man absolut keine Ahnung hat, warum. Vielleicht waren es die gelegentlichen Spaziergänge, vielleicht die insgesamt etwas kleineren Portionen oder vielleicht hat die Waage morgens einfach noch nicht richtig ausgeschlafen. Ich nehme den Erfolg trotzdem mit. Geschenkter Gewichtsverlust wird schließlich nicht hinterfragt.
Und da auch die Nierenwerte sowie die Fettwerte brav im Normalbereich tanzten, verbuchen wir das Ganze mal als medizinischen Teilerfolg. Kein Triumphzug durchs Brandenburger Tor, aber zumindest auch keine Vollbremsung mit anschließendem Totalschaden. Im Grunde war der Termin wie ein mittelmäßiges Schulzeugnis: Man ist nicht wirklich stolz darauf, aber es reicht, damit zu Hause niemand Hausarrest verhängt.
Sogar meine Füße durften mal wieder zur großen Inspektion. Bei Diabetes gehören die unteren Extremitäten schließlich regelmäßig auf den Prüfstand, auch wenn sie im Alltag meistens ein ziemlich unbeachtetes Dasein zwischen Socken, Schuhen und gelegentlichen Blasen fristen. Rechts suchte die Ärztin zwar erst mal nach dem Puls wie nach einer Nadel im Heuhaufen. Ich lag da und fragte mich kurz, ob mein rechter Fuß vielleicht heimlich die medizinische Versorgung eingestellt hatte. Nach einigem Tasten, Drücken und konzentriertem Stirnrunzeln wurde das verschollene Lebenszeichen dann aber doch noch gefunden. Der Puls war tastbar, nur offenbar etwas schüchtern.
Ansonsten war alles schick an den unteren Extremitäten. Keine Katastrophen, keine dramatischen Befunde, keine spontane Einweisung in die Fußwerkstatt. Als Belohnung gab es die Empfehlung für Reisestrümpfe, damit auf längeren Fahrten und bei ausgedehnten Unternehmungen alles schön im Fluss bleibt.
Ich dachte mir nur: Pustekuchen. Bevor ich jetzt neues Geld für medizinisch korrekt vermarktete Reisestrümpfe ausgebe, krame ich einfach meine alten Kompressionsdinger aus den aktiven Trainingszeiten wieder hervor. Die liegen schließlich seit Jahren irgendwo im Schrank und warten vermutlich sehnsüchtig auf ihr großes Comeback. Sieht im Sommer zwar semi-sexy aus und erinnert optisch ein wenig an eine Kreuzung aus Profi-Radfahrer, Krankenhausflur und Rentnerreisegruppe, spart aber Geld und erfüllt denselben Zweck. Funktion vor Erotik. In meinem Alter muss man Prioritäten setzen.
Und dann kam das Gespräch auf die nähere Zukunft. Genauer gesagt: Mounjaro. Aus der medizinischen Wundertüte wurde das Zeug wieder hervorgezaubert, als hätte es nur darauf gewartet, erneut auf meiner persönlichen Bühne zu erscheinen. Bei mir ging sofort das Kopfkino an. Nicht die gemütliche Nachmittagsvorstellung mit Popcorn und Happy End, sondern eher ein düsterer Katastrophenfilm mit Überlänge.
Die Erinnerungen an Ostern 2024 standen mir schlagartig wieder vor Augen. Damals bedeutete jede Spritze zwei bis drei Tage elendes Dahinsiechen in der dunkelsten Ecke der Wohnung. Während andere Menschen Ostereier suchten und sich Schokoladenhasen einverleibten, lag ich herum wie ein schlecht gefalteter Wäschesack und wartete darauf, dass mein Körper seine Arbeit wieder aufnimmt und die Schmerzen aufhören. Ich hatte damals wirklich das Gefühl, mein gesamtes System stellt komplett den Betrieb ein. Magen dicht, Kreislauf beleidigt.
Ein Kloß im Hals war gar kein Ausdruck. Ich hatte pure Panik vor einer Wiederholung. Schon beim bloßen Gedanken an die nächste Spritze spannte sich innerlich alles an. Mein Körper besitzt offenbar ein hervorragendes Gedächtnis, zumindest wenn es um unangenehme Dinge geht. Geburtstage, Namen und wichtige Termine werden zuverlässig gelöscht, aber die Tage Übelkeit aus dem Jahr 2024 sind selbstverständlich in gestochen scharfer 4K-Auflösung gespeichert.
Aber die moderne Pharmaindustrie hat inzwischen aufgerüstet. Kein mühsames Zusammenbasteln mehr wie früher, bei dem man sich vorkam, als würde man einen Kleintransporter aus Einzelteilen montieren, sondern der schicke KwikPen. Ein handliches Gerät, das schon optisch vermitteln soll: Keine Sorge, wir haben das alles im Griff.
Die dazugehörige Anleitung in der Apotheke hatte zwar das Format einer ausgewachsenen Mustertapete für das Wohnzimmer. Einmal komplett auseinandergefaltet, hätte man damit vermutlich problemlos eine Einzimmerwohnung renovieren oder im Notfall ein kleines Segelboot bauen können. Aber die Handhabung klang tatsächlich idiotensicher: ein bisschen drehen, ein Tröpfchen herauslassen, damit die Nadel entlüftet ist, reinstechen, abdrücken, kurz warten, fertig. Kein Studium der Feinmechanik notwendig, kein Werkzeugkasten und auch kein YouTube-Tutorial mit siebzehn Werbeunterbrechungen.
Die Angst reiste trotzdem im Gepäck mit nach Hamburg. Sie saß vermutlich direkt neben den Kompressionsstrümpfen und freute sich auf einen gemeinsamen Wochenendausflug. Denn direkt am nächsten Tag stand das große Pokémon Go Fest Global an. Tausende Menschen, Kilometer über Kilometer quer durch die Stadt und ich mittendrin mit der permanenten Paranoia, dass die neue Wunderwaffe meinen Darm in eine unkontrollierbare Turbine verwandelt.
Ich sah mich im Geiste schon im Rekordsprint das nächste Dixi-Klo im Hamburger Stadtpark stürmen. Natürlich nicht elegant und würdevoll, sondern mit panischem Gesichtsausdruck, flatternder Kleidung und einem Laufstil, bei dem selbst ein verletztes Gnu Mitleid bekommen hätte. In meiner Vorstellung scheiterte ich selbstverständlich kläglich an einer kilometerlangen Warteschlange aus anderen Spielern, Familien mit Kindern und Menschen, die einfach nur ganz entspannt ihr Wochenende genießen wollten.
Man entwickelt in solchen Situationen plötzlich ein erstaunliches Auge für öffentliche Toiletten. Andere Menschen sehen Bäume, Wiesen und Sehenswürdigkeiten. Ich registriere Fluchtwege, Sanitäranlagen und mögliche Gebüsche für den absoluten Katastrophenfall. Erfreulicherweise blieb diese innere Einsatzplanung komplett nutzlos.
Denn Wunder geschehen: Nichts passierte. Also, fast nichts. Kein dramatischer Magenaufstand, keine unkontrollierbare Darmsinfonie und kein verzweifelter Sprint durch den Park. Mein einziges echtes Problem war meine eigene Vergesslichkeit beim Trinken. Bei all dem Herumlaufen, Fangen, Quatschen und Auf-den-Bildschirm-Starren geriet die Flüssigkeitszufuhr irgendwo in den Hintergrund. Das rächte sich natürlich irgendwann, denn der menschliche Körper ist leider kein Kamel und lässt sich auch von digitalen Monstern nicht dauerhaft von seinen Grundbedürfnissen ablenken.
Erst am Nachmittag konnte ich das Defizit ausgleichen, als ich mich mal kurz von unserer Dreiergruppe absetzte und mich in Ruhe um ausreichend Flüssigkeit kümmerte. Wahrscheinlich hätte ich das deutlich früher tun sollen, aber Vernunft und Großveranstaltungen sind bei mir traditionell keine besonders enge Freundschaft.
Und das anschließende Essen? Ein Trauerspiel für jeden Genießer. Da holt man sich einen frisch gebratenen Hamburger Burger – also echtes Premium-Futter, vermutlich hergestellt aus frischen Hamburgern von vor Ort – und freut sich nach einem langen Tag auf eine ordentliche Portion. Der Burger sah gut aus, roch gut und schmeckte auch gut. Eigentlich waren alle Voraussetzungen für ein kulinarisches Happy End erfüllt.
Doch nach der Hälfte machte es einmal kräftig „Rülps“ im System und der Ofen war aus. Vollkommen satt. Nicht dieses angenehme „Jetzt reicht es langsam“, sondern eine knallharte Vollbremsung. Der Magen zog die Schranke herunter, schaltete das Licht aus und hängte ein Schild mit der Aufschrift „Wegen Überfüllung geschlossen“ an die Tür.
Der restliche Burger wanderte deprimiert zurück in die Verpackung. Ich bilde mir ein, dass er mich dabei vorwurfsvoll ansah. So viel Potenzial, so viel Geschmack, und dann endet die Karriere nach gerade einmal fünfzig Prozent. Ein kulinarisches Drama in einem Akt. Tragischer als jede Oper, nur mit mehr Gurkenscheiben und weniger Gesang.
Zu Hause lief es ähnlich. Gestern gab es Resteverwertung mit einer Frittata. Schließlich muss man nicht immer eine große Kochshow veranstalten. Manchmal reicht es, alles halbwegs Brauchbare aus dem Kühlschrank zusammenzukratzen, Ei darüberzugießen und so zu tun, als sei das von Anfang an genau so geplant gewesen.
Ich liebe ja diese Sprühflaschen, die nur einen hauchdünnen Fettnebel in die Pfanne hauchen. Man fühlt sich dabei wie ein Profikoch in einer hochwertigen Fernsehproduktion. Ein eleganter Druck auf den Sprühkopf, ein zarter Glanz auf der Oberfläche und schon glaubt man, gleich käme jemand mit einer Kamera um die Ecke und würde anerkennend nicken. Tatsächlich verbraucht man aber fast gar nichts, was sowohl dem Kalorienkonto als auch dem Gewissen sehr entgegenkommt.
Das Ganze ging dann mit Ei in den Heißluftofen. Geschmacklich top, Konsistenz gelungen und optisch zumindest so ordentlich, dass man sich dafür nicht schämen musste. Aber nach zwei Dritteln der Portion war wieder absolute Endstation im Magen. Keine Verhandlungen, keine Verlängerung und kein „Ein Löffel geht noch“. Feierabend.
Die Reste für heute wurden im Kopf direkt schon im Vorfeld schrumpf-portioniert. Man lernt ja dazu. Statt den Teller aus alter Gewohnheit bis zum Rand zu beladen und anschließend bedröppelt vor der Hälfte zu kapitulieren, wird künftig eben kleiner gedacht. Zur Not kann man immer noch nachnehmen. Dieser Satz klingt zwar erschreckend vernünftig und passt überhaupt nicht zu meiner bisherigen Lebensführung, aber vielleicht ist genau das der Sinn der ganzen Aktion.
Dazu kam das sportliche Pensum vom Wochenende: Samstags stolze 17.000 Schritte durch Hamburg gejagt, sonntags direkt noch mal fast 12.000 Schritte beim zweiten Teil des Events im heimischen Eschwege nachgelegt. Für Menschen, die regelmäßig Marathon laufen, mag das ein gemütliches Aufwärmprogramm sein. Für meinen Bewegungsapparat war es offenbar die persönliche Tour de France, nur ohne Fahrrad.
Während der Veranstaltungen selbst funktionierte alles erstaunlich gut. Wahrscheinlich war der Körper zu beschäftigt, um sich zu beschweren. Außerdem motivieren seltene Pokémon offenbar stärker als jede Fitness-App. Man läuft noch eine Straße weiter, biegt noch einmal ab und nimmt selbstverständlich auch den kleinen Umweg mit, weil dort angeblich etwas Besonderes gespawnt ist. Schritte sammeln sich auf diese Weise schneller, als man gucken kann.
Die Quittung gab es prompt am Montag. Mein Körper hatte sich offenbar über Nacht gewerkschaftlich organisiert und kollektiv den Streik beschlossen. Beine, Hüfte, Rücken – es wäre deutlich schneller gewesen, die Körperteile aufzuzählen, die mal ausnahmsweise nicht wehtaten. Selbst Muskelgruppen, von deren Existenz ich bisher nichts wusste, meldeten sich plötzlich lautstark zu Wort.
Das Aufstehen wirkte wie eine komplizierte Choreografie für Fortgeschrittene. Erst vorsichtig drehen, dann abstützen, tief durchatmen und schließlich mit einem Geräusch hochkommen, das irgendwo zwischen knarrender Kellertür und angeschossenem Walross lag. Elegant war anders. Aber immerhin stand ich irgendwann.
Gestern im Alltag einen Gang zurückzuschalten, war deshalb die einzig vernünftige Entscheidung, bevor meine alten Knochen die fristlose Kündigung einreichen. Irgendwann muss man akzeptieren, dass Regeneration kein Zeichen von Schwäche ist, sondern eine dringend notwendige Wartung. Selbst hochwertige Maschinen müssen gelegentlich in die Werkstatt. Und mein Modell hat inzwischen nun einmal ein paar Kilometer auf dem Tacho.
Am Freitag wartet die zweite Dosis aus dem Pen. Ich bin gespannt, ob das System weiterhin so friedlich bleibt oder ob mein Körper lediglich in der ersten Runde höflich sein wollte, bevor er zur großen Gegenoffensive ansetzt. Noch bin ich vorsichtig optimistisch. Das Sättigungsgefühl ist jedenfalls deutlich da, ohne dass ich mich komplett elend fühle. Genau so dürfte es gern weitergehen.
Natürlich weiß ich auch, dass eine einzelne problemlose Woche noch keine Garantie für die Ewigkeit ist. Mein Körper ist kreativ und für spontane Überraschungen jederzeit zu haben. Deshalb wird die zweite Spritze vermutlich wieder mit einer Mischung aus Hoffnung, Respekt und leichtem Misstrauen gesetzt. Sicherheitshalber werde ich die folgenden Tage wohl nicht direkt mit einer Expedition durch die Wüste oder einer mehrstündigen Busfahrt ohne Toilette verplanen.
Und was die langfristige Planung angeht: Nach meiner Reha im Herbst 2024 steht der nächste bürokratische Antragstanz wohl erst wieder für 2027 oder 2028 an. Genügend Zeit also, um Formulare zu vergessen, Unterlagen zu verlegen und mich anschließend darüber zu wundern, warum Behörden gern Belege verlangen, die nur auf einem vergilbten Mikrofilm in einem Kellerarchiv existieren.
Das Ahrtal war zwar landschaftlich ganz nett. Schöne Gegend, frische Luft und durchaus geeignet, um dem Alltag für eine Weile zu entkommen. Aber ob ich da unbedingt noch einmal hin muss, steht in den Sternen. Vielleicht verschlägt es mich beim nächsten Mal an einen anderen Ort. Vielleicht auch wieder genau dorthin, weil irgendein Sachbearbeiter beschlossen hat, dass Traditionen gepflegt werden müssen.
Bis dahin fließt noch viel Wasser die Werra hinab. Und vermutlich auch die eine oder andere Portion Hafer durch meinen Verdauungstrakt. Ob drei Tage davon beim nächsten Bluttest wieder als letzter verzweifelter Bestechungsversuch herhalten müssen, wird sich zeigen. Vorsätze sind schließlich eine wunderbare Sache. Besonders dann, wenn man sie kurz vor dem nächsten Kontrolltermin hektisch wiederentdeckt.
Bildinformationen:
Foto: Norbert Beck, mit Google Gemini und Google Nano Banana bearbeitet
Komposition des Beitragsbildes: Norbert Beck mit Unterstützung von canva pro
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