Ich bin nicht mein Vater

Man sagt ja gerne, der Apfel falle nicht weit vom Stamm. In meinem Fall war der Stamm ein Baumaschinenschlosser mit der Sturheit einer hessischen Eiche und einer Lebensgeschichte, die locker für drei Netflix-Staffeln gereicht hätte. Heute jährt sich der Tag, an dem mein Vater „es geschafft hat“, zum 19. Mal. Und während ich hier sitze, muss ich feststellen: Ich bin zwar nicht mein Vater – aber die genetische Blaupause lässt sich auch nach fast zwei Jahrzehnten nicht ganz verleugnen.

Mein Vater war die Generation „Überlebenskünstler“. Mit 15 stand er kurz davor, im wahnwitzigen Endspurt des Zweiten Weltkriegs für ein „Vaterland“ verheizt zu werden, das zu diesem Zeitpunkt nur noch aus Trümmern bestand. Er hatte Glück. Sein eigener Erzeuger – mein Opa – war da aus anderem Holz geschnitzt: ein „Erzbrauner“ der Sorte, bei der selbst der Herr mit dem Oberlippenbart vor Ehrfurcht errötet wäre. Dass dieser Opa die Familie spaltete und meine Oma sogar mit der Axt jagte, gehörte zum traurigen Repertoire der damaligen Zeit. Dass der Herr Pastor das Ganze dann noch als „Gottes Wille“ und gottgegebene Vorherrschaft des Mannes absegnete, lässt mich heute nur noch den Kopf schütteln. Ein Glück, dass wir dieses moralische Mittelalter hinter uns gelassen haben.

Die Vita meines Vaters liest sich wie ein historischer Abenteuerroman: Rücker im Forst mit echten Pferdestärken (bevor Maschinen die Wälder in Mondlandschaften verwandelten), Bergmann auf der Zeche Emil Mayrisch, Held einer dramatischen Rettungsaktion unter Tage, bei der man sich kurzerhand mit der Lore durch eine Mauer in die Freiheit rammte. Dass er danach nicht in Baunatal bei VW landete, sondern im heimischen Wichmannshausen bei Massey Ferguson, war dem Schicksal und der Pflege seiner Mutter geschuldet.

Und dann kam ich. 1973. Ein handwerklicher Totalausfall in den Augen eines Mannes, der alles reparieren konnte. Während er im Keller Wunder vollbrachte, schaute ich zu. Mein handwerkliches Geschick betrug damals gefühlt 10 % – heute, in der IT-Branche, sind es vielleicht 15 %, wenn ich einen Patch-Stecker gerade halten kann. Er verstand nicht, warum ich keinen Führerschein wollte (obwohl er seinen eigenen in den 60ern aus Stressgründen abgegeben hatte), und unsere politischen Diskussionen waren legendär – da flogen die Fetzen, bis der Putz von der Wand bröckelte.

Doch am Ende, als dieser starke Mann zerbrechlich wurde wie Porzellan, blieb nur ein Versprechen: „Pass auf mein Röschen auf.“ Röschen – meine Mutter. Ein Auftrag, den ich mit Ehre getragen habe.

Heute blicke ich in den Spiegel und sehe ihn doch. Nicht in den handwerklichen Fähigkeiten und definitiv nicht in der Verbrennung: Er konnte fünf Schnitzel essen und wog danach weniger als vorher; ich nehme zu, wenn in meiner Nachbarschaft jemand laut über Pizza nachdenkt. Aber wir teilen den Humor. Wir teilen die Ausdauer. Wir teilen diese typische Eigenschaft, für Plan A immer auch einen Plan B, C und D in der Tasche zu haben.

Ich bin nicht mein Vater. Ich bin ITler, kein Bergmann. Ich bin Autofahrer, kein Pferderücker. Aber ich bin der Sohn eines Mannes, der 73 Jahre lang alles gab, um der beste Vater der Welt zu sein. Und während draußen auf dem alten Fichtenstumpf die Laterne für ihn brennt, weiß ich: Der Apfel ist vielleicht ein bisschen gerollt – aber er liegt genau da, wo er hingehört.


Dies ist ein Re-Post eines Beitrags vom 21.03.2022. Der Text wurde im Zuge der Aktualisierung stilistisch überarbeitet und in Form einer Glosse neu formuliert, um die Erinnerungen an diesen besonderen Lebensweg zeitgemäß festzuhalten.

Foto: Norbert Beck / Beitragsbild-Layout: canva PRO und Norbert Beck

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Norbert Beck

Norbert Beck, Softwareentwickler aus Eschwege, jongliert seit über 20 Jahren mit Codes und IT-Systemen – nur die Schwerkraft leistet gelegentlich noch Widerstand. Als ehemaliger Marathon-Staffelläufer weiß er, wie sich Ausdauer anfühlt; heute praktiziert er „Sport trotz Masse“ und beweist, dass man auch mit ein paar Kilo zu viel im Gepäck kein Standbild sein muss. Auf landpirat.de dokumentiert er seine Mission zwischen gesunder Ernährung, technischem Tatendrang und dem ehrlichen Versuch, den inneren Schweinehund digital zu überlisten. Leidenschaftlicher Fotograf, engagierter Netzwerker und ein Typ, der lieber Lösungen baut als Probleme wälzt – immer mit einer Prise Selbstironie und der nötigen Portion nordhessischer Direktheit.

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