Da ist ein Wurm im Gesundheitssystem

Dieser Beitrag erzählt von meiner Hausarztsuche im Frühjahr 2023 und wurde für den Relaunch 2026 redaktionell überarbeitet.

Würmer können ausgesprochen nützlich sein. Im Garten lockern sie den Boden auf, im Watt gehören sie einfach dazu. Als jemand, der ziemlich viel mit Computern zu tun hat, denke ich bei einem Wurm allerdings eher an die andere Sorte: etwas, das sich irgendwo einnistet und dafür sorgt, dass das ganze System nicht mehr so funktioniert, wie es eigentlich sollte.

Und genau dieses Gefühl hatte ich im Frühjahr 2023 bei unserem Gesundheitssystem.

Ich lebe im Werra-Meißner-Kreis, also ziemlich ländlich in der Mitte Deutschlands. Mit meinem damaligen Hausarzt war ich schon länger nicht mehr glücklich. Besonders meine Magen-Darm-Beschwerden machten mir zu schaffen. Ich bekam verschiedene Medikamente, hatte aber zunehmend das Gefühl, dass wir vor allem Symptome behandelten, ohne der Ursache wirklich näherzukommen.

Dazu kamen meine anderen gesundheitlichen Baustellen. Mein Rücken machte Probleme, ich hatte teilweise starke Krämpfe und Durchfall und manchmal kam alles gleichzeitig. Wenn ich Pech hatte, war damit ein Wochenende praktisch erledigt.

Irgendwann war für mich klar: Ich möchte zu einer anderen Hausärztin oder einem anderen Hausarzt.

Eigentlich sollte das kein großes Abenteuer sein.

Freie Arztwahl trifft auf volle Praxen

In Deutschland gilt grundsätzlich die freie Arztwahl. Nur bedeutet das eben nicht, dass eine bestimmte Praxis verpflichtet wäre, mich als neuen Patienten aufzunehmen. Das Bundesgesundheitsministerium weist ausdrücklich darauf hin, dass dieses Recht gegenüber der Krankenversicherung besteht und nicht als Anspruch gegenüber einer bestimmten Ärztin oder einem bestimmten Arzt zu verstehen ist. (bundesgesundheitsministerium.de)

Diese Feinheit lernte ich damals ziemlich schnell kennen.

In Eschwege gab es durchaus eine ganze Reihe Hausarztpraxen. Nur half mir das wenig, wenn ich bei meiner Anfrage immer wieder denselben Satz hörte:

Wir nehmen keine neuen Patienten auf.

Einige Absagen waren zumindest bemerkenswert. Bei einer Praxis sollte ich mich einige Monate später noch einmal melden. Vielleicht seien dann wieder Kapazitäten vorhanden. Die Erklärung, warum diese Kapazitäten bei einer überwiegend älteren Patientenschaft irgendwann entstehen könnten, war dabei so direkt formuliert, dass ich einen Moment brauchte.

Man kann so etwas sagen.

Man kann es allerdings auch etwas feinfühliger sagen.

Bei einer anderen Gemeinschaftspraxis wurde ich zunächst gefragt, ob ich von außerhalb käme. Als ich sagte, dass ich aus Eschwege komme, hieß es, man nehme keine neuen Patienten mehr auf. Auf meine etwas verdutzte Nachfrage, ob es denn anders ausgesehen hätte, wenn ich von außerhalb gekommen wäre, wurde die Antwort deutlich weniger eindeutig.

An diesem Punkt beschloss ich, die Logik nicht weiter zu erforschen.

Irgendwann hatte ich Glück

Meine Suche endete schließlich dort, wo ich wenige Wochen zuvor noch eine Absage bekommen hatte. Eine junge Ärztin übernahm Patienten, und ab Mitte April hatte ich wieder eine hausärztliche Anlaufstelle, mit der ich meine gesundheitlichen Probleme neu angehen konnte.

Für mich war das zunächst einmal eine Erleichterung.

Das grundsätzliche Problem war damit aber nicht verschwunden.

Schon damals merkte ich an mehreren Stellen, wie dünn die medizinische Versorgung in einer ländlichen Region werden kann. Einen Routine-Termin beim Augenarzt musste ich im Januar aus gesundheitlichen Gründen absagen. Der Ersatztermin lag im Oktober. Neun Monate später.

Auf meinen ersten Termin beim Lungenfacharzt hatte ich zuvor ebenfalls viele Monate gewartet. Bei anderen Fachrichtungen sah es nicht wesentlich entspannter aus. Und wenn eine Praxis keinen Nachfolger findet, wird aus einer ohnehin langen Strecke zum nächsten Arzt irgendwann noch eine längere.

Gerade bei Hausärzten hatte ich in den Jahren davor erlebt, dass mehrere Praxen verschwanden. Ruhestand, Krankheit, Tod oder andere persönliche Gründe – für die einzelnen Entscheidungen gab es völlig unterschiedliche Ursachen. Für mich als Patienten blieb am Ende trotzdem dasselbe Ergebnis:

Eine Praxis war weg.

Und die verbliebenen Patienten mussten irgendwo anders unterkommen.

Den Ärzten mache ich keinen Vorwurf

Dabei wäre es zu einfach, auf die Praxen zu schimpfen, die mir damals abgesagt haben. Wenn eine Praxis ausgelastet ist, wird sie nicht dadurch größer, dass noch zehn Menschen anrufen und dringend einen Hausarzt suchen.

Das Problem ist größer als die einzelne Anmeldung am Empfang.

Dass die Frage der hausärztlichen Versorgung im Werra-Meißner-Kreis nicht nur mein persönlicher Eindruck war, zeigte sich auch später. Der Landkreis führte 2023 eine eigene Versorgungsanalyse durch, deren Ergebnisse Anfang 2024 veröffentlicht wurden. Befragt wurden die damals 63 im Kreis ansässigen Hausärztinnen und Hausärzte sowie neun Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung. Themen waren unter anderem Praxisnachfolge, Aus- und Weiterbildung und die zukünftige hausärztliche Versorgung. (werra-meissner-kreis.de)

Der Kreis versucht außerdem, mit Stipendien medizinischen Nachwuchs für die Region zu gewinnen. Das ist immerhin mehr, als nur darauf zu hoffen, dass sich das Problem irgendwie von allein erledigt. (werra-meissner-kreis.de)

Denn genau das war damals mein Eindruck: Wir reden nicht über ein Problem, das vielleicht irgendwann einmal kommen könnte.

Es war längst da.

Was tun, wenn niemand einen aufnimmt?

Wer gesetzlich versichert ist und eine Praxis oder einen Termin sucht, kann heute unter anderem den Patientenservice 116117 nutzen. Dort gibt es sowohl eine Arztsuche als auch einen Terminservice; Termine beim Hausarzt können dort ohne Vermittlungscode gesucht werden. Das garantiert natürlich nicht, dass die Wunschpraxis zwei Straßen weiter plötzlich Platz hat. Es ist aber eine zusätzliche Möglichkeit, wenn die eigene Suche feststeckt. (116117.de)

Meine eigene Suche ging damals glücklicherweise gut aus.

Was mir davon geblieben ist, ist allerdings ein anderes Gefühl für den Satz „Dann geh doch einfach zu einem anderen Arzt.“

In einer Großstadt mag das manchmal tatsächlich einfach sein. Hier auf dem Land kann zwischen diesem Satz und einem neuen Hausarzt eine ziemlich lange Telefonliste liegen.

Und manchmal sitzt der Wurm eben nicht in der einzelnen Praxis.

Sondern im ganzen System.

Quellen

Bundesministerium für Gesundheit: Patientenrechte und freie Arztwahl. (bundesgesundheitsministerium.de)

Werra-Meißner-Kreis: Hausärztliche Versorgungsanalyse im Werra-Meißner-Kreis, veröffentlicht am 16. Januar 2024. (werra-meissner-kreis.de)

116117 Patientenservice: Arztsuche und Terminservice. (116117.de)

Foto: canva PRO / Beitragsbild-Layout: canva PRO und Norbert Beck


Rechtschreibung

Die Interpunktion und Orthographie dieses Textes sind frei erfunden. Eine Übereinstimmung mit aktuellen oder ehemaligen Rechtschreibregeln wäre rein zufällig und ist nicht beabsichtigt.

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