Wenn ich trainiere, bin ich selten besonders schnell unterwegs. Mal laufe ich, mal gehe ich, je nachdem, wie es gerade passt. Gerade deshalb bin ich oft auf Strecken unterwegs, auf denen man nicht nur Kilometer sammelt, sondern auch Dinge sieht, die einem bei höherem Tempo vielleicht entgehen würden.
An den Bruchteichen in Bad Sooden-Allendorf bin ich besonders gern früh am Morgen unterwegs. Dann ist es ruhig, die Luft fühlt sich anders an und die Wahrscheinlichkeit ist größer, dass man tatsächlich Tiere sieht. Nicht spektakulär inszeniert und schon gar nicht auf Bestellung. Sie sind einfach da.
Ich habe dort schon Rehe gesehen, Bussarde beobachtet und weiß inzwischen ziemlich genau, an welchen Stellen sich manche Tiere gern zurückziehen. Vielleicht ist meine Langsamkeit dabei gar kein Nachteil. Wer nicht wie ein Irrer durchs Gelände stapft, wird möglicherweise auch nicht sofort als Gefahr wahrgenommen.
An diesem Morgen ging es allerdings nicht nur ums Beobachten.
Der Reiher wollte einfach nur seine Ruhe
Auf meiner ersten Runde sah ich nahe dem Anglerheim eine Frau mit dem Handy in der Hand. Wenige Augenblicke vorher war ein Silberreiher tief über das Wasser geflogen und hatte sich zwischen den Seerosen niedergelassen. Dort stand er ruhig und konzentriert, offensichtlich auf der Suche nach seinem Frühstück.
Die Frau wollte offenbar ein Foto.
Kann ich verstehen. Ein Silberreiher ist ein beeindruckender Vogel und ich hätte wahrscheinlich auch versucht, ein Bild zu machen, wenn ich die passende Ausrüstung dabeigehabt hätte.
Nur kam sie immer näher.
Menschen glauben gern, sie würden schleichen. Für viele Tiere klingt das vermutlich trotzdem eher nach Elefant im Porzellanladen. Dazu kommt, dass wir uns in unserer eigenen Wahrnehmung meist deutlich unauffälliger bewegen, als wir tatsächlich sind.
Irgendwann wurde es dem Vogel zu viel.
Er flog davon.
Ich dachte mir zunächst noch nicht viel dabei. Vielleicht hatte die Frau einfach nicht gemerkt, wie nah sie schon dran war.
Beim zweiten Mal war es kein Zufall mehr
Später war ich auf meiner dritten Runde.
Zwei große Runden um beide Bruchteiche sind jeweils ungefähr vier Kilometer, dazu noch einmal die Runde um den größeren Teich mit rund 2,4 Kilometern. Am Ende kamen 10,4 Kilometer zusammen.
Für mich war das damals alles andere als selbstverständlich. Eineinhalb Jahre vorher hatte ich noch Probleme damit, einen Brief zwanzig Meter vom Auto zum Briefkasten zu bringen. Solche Tage waren deshalb für mich nicht einfach nur Training. Sie waren der Beweis, dass sich langsam wieder etwas bewegte.
Und genau an fast derselben Stelle sah ich wieder den Reiher.
Sehr wahrscheinlich war es derselbe Vogel.
Leider war auch dieselbe Frau wieder da.
Wieder mit dem Handy. Wieder auf der Pirsch.
Und wieder kam sie so nah heran, dass der Vogel schließlich aufflog.
Da war ich sauer.
Nicht weil jemand ein Foto machen wollte. Fotos sind etwas Großartiges. Ich fotografiere selbst gern. Aber wenn das Foto nur dadurch möglich wird, dass ich ein Tier so lange bedränge, bis es seinen Platz aufgibt, läuft etwas schief.
Ein gutes Foto kann auch einfach ausfallen
Ich musste in diesem Moment an meinen letzten Nordseeurlaub denken.
Nahe des Meldorfer Binnenhafens stand ich damals in einem Naturschutzgebiet zusammen mit einigen Fotografen. Vor ihnen lagen Objektive, bei denen meine gesamte Fotoausrüstung wahrscheinlich kaum als Anzahlung gereicht hätte.
Und trotzdem standen sie dort einfach.
Still.
Lange.
Einer erzählte mir, dass man manchmal mehrere Tage an derselben Stelle sitzt und trotzdem kein einziges brauchbares Foto macht.
Sein Rat war einfach: nichts erzwingen.
Der Satz ist mir hängen geblieben.
Denn genau das ist wahrscheinlich der Unterschied zwischen Beobachten und Hinterherjagen. Wenn ein Tier nah genug kommt, hat man Glück. Wenn nicht, dann hat man eben kein Bild.
Die Welt geht davon erstaunlicherweise nicht unter.
Irgendwann habe ich sie angesprochen
Ich bin normalerweise kein besonders schneller Läufer.
An diesem Tag wurde ich plötzlich doch schneller.
Ich wollte die Frau am Parkplatz noch erwischen und sie darauf ansprechen. Ihre Antwort begann ungefähr so, wie solche Antworten oft beginnen:
„Ich wollte doch nur …“
Ja.
Ich will auch vieles.
Aber der Wunsch nach einem Foto ist kein Freibrief dafür, einem Tier immer weiter auf die Pelle zu rücken.
Ich habe ihr erklärt, dass sie mit dem Handy bei größeren oder wenig scheuen Tieren vielleicht noch eine Chance auf ein ordentliches Bild hat. Bei kleineren oder vorsichtigeren Wildtieren braucht es entweder Abstand, Geduld oder eben eine passende Optik.
Was davon fehlt, sollte man nicht durch Nähe ersetzen.
Ob sie verstanden hat, was ich meinte, weiß ich nicht.
Ich hoffe es.
Manche Orte bleiben besser ungenannt
An den Bruchteichen kenne ich inzwischen einige Stellen, an denen Tiere brüten oder regelmäßig auftauchen.
Ich weiß, wo Schwäne ihre Ruhe brauchen.
Ich weiß, wo ein Bussard seinen Horst hat.
Und ich weiß ungefähr, wo man mit etwas Glück Rehe sehen kann.
Diese Orte werde ich trotzdem nicht öffentlich herumreichen.
Nicht weil ich ein Geheimnis daraus machen will. Sondern weil Tiere nichts davon haben, wenn plötzlich zehn Leute mit Handy, Hund oder Kamera auftauchen und hoffen, möglichst nah heranzukommen.
Gerade bei Brutplätzen ist Zurückhaltung wichtiger als das nächste Foto.
Ich habe selbst schon erlebt, was passiert, wenn Menschen zu neugierig werden. Ein Schwanenpaar hatte einmal an einer ziemlich ungünstigen Stelle nahe eines Weges gebrütet. Viel Schutz gab es dort nicht. Irgendwann wurde es den Tieren offenbar zu viel und sie gaben den Platz auf.
Seitdem denke ich noch etwas anders über solche Situationen.
Manchmal reicht es, einfach nur zu schauen
Ich habe selten meine komplette Fotoausrüstung dabei. Spiegelreflexkamera, Objektive und Stativ sind nun einmal nicht das Zeug, das man bei jeder Trainingsrunde mitschleppt.
Früher hätte mich das vielleicht geärgert.
Heute denke ich öfter: Dann gibt es eben kein Foto.
Wenn ich einen Reiher sehe, einen Bussard oder ein Reh, dann kann ich auch einfach stehen bleiben und den Moment genießen.
Das Tier muss nicht näherkommen.
Es muss nicht für mich posieren.
Und ich muss nicht beweisen, dass ich es gesehen habe.
Manchmal ist es sogar schöner, wenn etwas nur im Kopf bleibt.
Also bitte: Lasst meine Freunde in Ruhe.
Schaut hin. Freut euch über den Moment.
Und wenn kein Foto dabei herauskommt, war es trotzdem echt.
Foto: canva PRO / Beitragsbild-Layout: canva PRO und Norbert Beck
Rechtschreibung
Die Interpunktion und Orthographie dieses Textes sind frei erfunden. Eine Übereinstimmung mit aktuellen oder ehemaligen Rechtschreibregeln wäre rein zufällig und ist nicht beabsichtigt.
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