„Bahnhof im Morgengrauen, so viele Züge gehen…“ – man möchte fast melancholisch mitsingen, stünde man nicht gerade am Gleis 4 und wartete auf ein Phantom. Das 9-Euro-Ticket neigt sich dem Ende zu, und während die Nation bereits dem Nachfolge-Angebot entgegenzittert, ziehe ich Bilanz. Und ja, man muss es so deutlich sagen: Wer über die Bahn schimpft, hat meistens die Mitreisenden vergessen.
Die Entschleunigung des „Niemandslandes“
Man muss sich im Klaren sein: Nahverkehr auf Langstrecke ist kein Transportmittel, es ist eine Therapieform. Es nennt sich Entschleunigung. Wenn man, wie ich, bahntechnisch im absoluten Niemandsland residiert, ist Zeit ohnehin relativ. Ob ich nun mit dem ICE eine Stunde schneller im Rheinland bin oder im Regionalexpress die Flora und Fauna jeder Milchkanne bewundere – geschenkt.
Doch der wahre Abenteuerspielplatz beginnt erst im Waggon. Da wäre zum Beispiel der Cantus zwischen Bebra und Fulda. Eine Strecke kürzer als mancher Arbeitsweg in Berlin, der Zug startet pünktlich – und fährt trotzdem 20 Minuten Verspätung ein. Wie das physikalisch möglich ist? Ein Mysterium, das vermutlich nur Quantenphysiker oder verzweifelte Fahrdienstleiter lösen können.
Das Problem sitzt (meistens) auf dem Sitz
Man hat uns gewarnt: Überfüllte Züge! Kollabierende Gleise! Der Untergang des Abendlandes auf Schienen! Doch nach meinen Touren von Koblenz bis Bremerhaven steht fest: Das größte Sicherheitsrisiko für den Schienenverkehr ist der Fahrgast an sich.
Da wird das Smartphone gezückt – nicht etwa, um die Bahn-App zu nutzen (Gott bewahre!), sondern um in Cochem den A2-Fahrplan händisch abzufotografieren. Man will ja „wissen, wann der Zug fährt“. Dass die App bereits seit 40 Minuten einen Triebwerksschaden und 55 Minuten Verspätung meldet, während die Anzeige am Gleis noch optimistische 15 Minuten vorgaukelt, bleibt dem analogen Fotografen verborgen. Er flucht lieber später.
Überhaupt, das Reisegepäck: Manche scheinen für den Wochenendtrip nach Buxtehude ihre komplette Wohnungseinrichtung mitzuführen. Und wehe, die Polizei muss in Hamburg oder Berlin einen Zug räumen – dann ist die Empörung groß. Dabei wäre es so einfach: Wer morgens um vier in den Zug steigt, wird zwar von niemandem gesehen (was für viele offenbar das Hauptproblem ist), hat aber tatsächlich Platz zum Atmen.
Die Hierarchie der Schiene
Ein besonderes Highlight meiner Reise nach Koblenz: Die Radfahrer. Ein ganzer Tross versuchte kurz vor Mainz, den Wagen zu stürmen – in der festen Überzeugung, die restliche Menschheit müsse nun augenblicklich verdampfen, um Platz für ihre Drahtesel zu schaffen.
Kurze Nachhilfe in Sachen Beförderungskette: Erst kommen Menschen ohne Ballast, dann Rollstühle, Rollatoren und Kinderwagen. Das Fahrrad rangiert irgendwo kurz vor dem Wanderzirkus und der Mitnahme von lebendem Kleinvieh. Eine Mitnahmegarantie gibt es nicht, Pöbeln hilft nicht, und die Bahn-App (da ist sie wieder!) hätte sogar verraten, ob man sein Rad heute lieber im Keller gelassen hätte.
Lemminge bei Rock am Ring
In Koblenz zeigte sich dann das Phänomen der „menschlichen Herde“. Tausende Rock-am-Ring-Besucher irrten umher, als hätten sie noch nie ein Fahrzeug mit mehr als vier Rädern gesehen. Die Frage „WO IST DENN UNSER BAHNSTEIG?“ wurde direkt unter Markierungen gestellt, die so groß waren, dass sie bei Windstille fast als Segel hätten dienen können.
Ähnliches Bild in Bremerhaven: Wenn die „Mein Schiff 4“ ihre Kreuzfahrt-Gäste ausspuckt und hunderte Menschen mit fünf Schrankkoffern pro Person in einen Regionalzug nach Hannover drängen, wird das Wort „Kuschelkurs“ neu definiert.
Ein Moment der Wahrheit in Göttingen
Am Ende meiner Odyssee, auf einem Bahnsteig in Göttingen mit defektem Aufzug, geschah dann das Unerwartete. Während die „Sauberdeutschen“ wegschauten, waren es ausgerechnet jene Mitbürger, die von manchen allzu gern mit Vorurteilen belegt werden, die als Erste zupackten und Kinderwagen sowie Rollstühle die Treppen hochhievten. Ein kleiner Realitätscheck für alle, die im Zug lieber über „Fremde“ schimpfen, statt selbst Hand anzulegen.
Fazit: Zoo oder Schiene?
Das 9-Euro-Ticket hat mir genau das gegeben, was ich erwartet habe: Ein bisschen Chaos, viel Menschlichkeit und die Erkenntnis, dass ich für den Preis von zwei Schachteln Zigaretten entspannt zum „Elektrodealer“ nach Erfurt fahren kann. Während andere im Stau auf der Autobahn ihren Blutdruck in astronomische Höhen treiben und 30 Euro für Sprit und Parken verballern, sitze ich im Regionalexpress – und freue mich sogar über das rollende Bistro, das mir Kaffee und Brötchen serviert.
Nahverkehr ist kein ICE. Aber wer die Lemming-Mentalität ablegt und die App bedienen kann, kommt ans Ziel. Meistens jedenfalls.
Dies ist ein Re-Post eines Beitrags vom 29.07.2022. Der Text wurde im Zuge der Veröffentlichung in seinem Schreibstil angepasst, in Form einer Glosse überspitzt und inhaltlich auf den damaligen Stand der Erfahrungen mit dem 9-Euro-Ticket aktualisiert.
Foto: canva PRO / Beitragsbild-Layout: canva PRO und Norbert Beck
Rechtschreibung
Die Interpunktion und Orthographie dieses Textes sind frei erfunden. Eine Übereinstimmung mit aktuellen oder ehemaligen Rechtschreibregeln wäre rein zufällig und ist nicht beabsichtigt.
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