Pokemon Karmesin und Purpur – Die Zukunft ist Vegangenheit

Ich hätte es eigentlich wissen müssen. Die Warnungen vor Pokémon Karmesin und Purpur waren ungefähr so subtil wie ein Schlag mit dem Vorschlaghammer: einbrechende Frameraten, Grafikfehler und jede Menge Berichte darüber, dass die Technik alles andere als rund läuft.

Trotzdem habe ich es gekauft.

Pokémon ist eben Pokémon. Da hängen Erinnerungen dran und irgendwie hofft man doch jedes Mal, dass einen die neue Generation wieder so packt wie früher. Für den damaligen Listenpreis von knapp 80 Euro hätte ich allerdings dankend verzichtet. Ich hatte Glück und bekam das Spiel für unter 30 Euro. Rückblickend war das vermutlich schon die erste richtige Entscheidung.

Eine alte Konsole ist nicht für alles eine Entschuldigung

Die Nintendo Switch war Anfang 2023 inzwischen fast sechs Jahre auf dem Markt. Natürlich merkt man ihr ihr Alter an. Andere Konsolen spielen technisch längst in einer anderen Liga und niemand sollte erwarten, dass die Switch plötzlich mit einer PlayStation oder Xbox um die schönste Grafik konkurriert.

Nur kann man ihr eben auch nicht alles in die Schuhe schieben.

Es gibt genügend Spiele auf der Switch, die trotz der begrenzten Hardware ordentlich aussehen und sauber laufen. Bei Pokémon Karmesin und Purpur hatte ich dagegen immer wieder das Gefühl, einem unfertigen Spiel zuzusehen. Figuren bewegten sich in der Entfernung teilweise wie in einer Diashow, Texturen wirkten matschig und gelegentlich bekam ich Perspektiven zu sehen, die vermutlich selbst die Entwickler nicht vorgesehen hatten.

Wenn Gras und mehrere Figuren gleichzeitig auftauchen, scheint die Konsole stellenweise darüber nachzudenken, ob sie nicht doch lieber Feierabend machen möchte.

Das Problem ist also nicht nur eine alte Switch. Das Spiel selbst trägt seinen Teil dazu bei.

Schule statt Route 1

In Paldea beginnt die Reise diesmal an einer Akademie. Je nach Version landet man in der Orangen- oder Trauben-Akademie und bekommt anschließend deutlich mehr Freiheit als in früheren Spielen.

Die klassische Reihenfolge Route 1, nächste Stadt, Arena, nächste Route wird weitgehend aufgegeben. Stattdessen kann man sich relativ frei durch die Welt bewegen und drei große Handlungsstränge verfolgen: die Arena-Challenge, den Kampf gegen Team Star und die Geschichte rund um die sogenannten Herrscher-Pokémon.

Grundsätzlich gefällt mir diese Freiheit.

Theoretisch kann ich losziehen, wohin ich möchte. Praktisch hat die Sache allerdings einen kleinen Haken: Die Welt passt sich nicht vernünftig an meine Stärke an.

Man kann deshalb an einer Stelle landen, an der die Gegner einen mit einem freundlichen Blick aus den Schuhen hauen. Oder man kommt später zu einer Herausforderung zurück und stellt fest, dass das eigene Pokémon eigentlich nur einmal kräftig husten muss, damit der Kampf vorbei ist.

Open World ohne vernünftiges Level-Scaling ist eben nur bedingt Open World.

Nemila ist immer schon da

Dann gibt es noch Nemila, unsere Rivalin.

Wobei Rivalin fast das falsche Wort ist. Sie ist eher die Person, die offenbar immer genau dort auftaucht, wo man gerade selbst angekommen ist, und unbedingt wissen möchte, wann endlich wieder gekämpft wird.

Ich mochte die Rivalen früherer Pokémon-Spiele eigentlich. Manche waren sympathisch, andere wollte man möglichst schnell besiegen, weil sie einem mit ihrer Art auf die Nerven gingen. Nemila ist dagegen so begeistert von unserem Talent, dass es stellenweise schon fast etwas anstrengend wird.

Irgendwann dachte ich nur noch: Mädchen, ich will gerade einfach nur meine Pokémon sortieren.

Freiheit mit eingebautem Langeweile-Modus

Besonders deutlich wurde das Problem mit der offenen Welt bei mir gegen Ende des Spiels.

Ich hatte vorher reichlich Raids gespielt und entsprechend trainierte Pokémon im Team. Als schließlich das große Turnier anstand, lagen meine Pokémon teilweise bei Level 70 oder darüber.

Die Gegner waren deutlich schwächer.

Das Ergebnis war entsprechend spannend.

Gar nicht.

Viele Kämpfe waren mit einer Attacke erledigt. Das fühlte sich nicht nach einem großen Abschluss an, sondern eher danach, als hätte ich mich versehentlich für das Anfängerturnier angemeldet.

Bei Pokémon Schild hatte mich die Geschichte deutlich länger beschäftigt. In Paldea hatte ich nach einigen Abenden bereits das Gefühl, dass der wesentliche Teil vorbei war. Natürlich kann man anschließend noch weiter sammeln, Raids spielen und den Pokédex vervollständigen. Nur war der eigentliche Höhepunkt für mich schon erstaunlich schnell erreicht.

Terakristallisierung – weil Pokémon offenbar noch Hüte brauchten

Jede Generation braucht mittlerweile ihre besondere Kampfmechanik. Diesmal ist es die Terakristallisierung.

Pokémon verwandeln sich dabei in glitzernde Kristallversionen ihrer selbst und bekommen einen Tera-Typ. Dadurch können Attacken verstärkt oder sogar bisherige Schwächen und Stärken verändert werden.

Spielerisch kann das durchaus interessant sein.

Optisch musste ich mich allerdings erst einmal daran gewöhnen, dass meinen Pokémon plötzlich riesige Kronleuchter, Blumen oder andere Gebilde auf dem Kopf wachsen. Pokémon hatte schon immer einen gewissen Hang zum bunten Unsinn, aber hier wird wirklich nicht gekleckert.

In Raids wird die Mechanik besonders wichtig. Dort kämpft man gemeinsam gegen besonders starke Pokémon und hat die Chance, seltene Exemplare zu bekommen. Gerade diese Kämpfe können allerdings schnell frustrierend werden. Man ist teilweise von anderen Spielern abhängig, Zeit und Animationen laufen nicht immer so sauber zusammen, wie ich es gerne hätte, und bei besonders schweren Raids kann aus einer netten Herausforderung ziemlich schnell ein Geduldsspiel werden.

Ein gutes Spiel unter zu viel technischem Gerümpel

Das Ärgerliche an Pokémon Karmesin und Purpur ist für mich nicht, dass alles schlecht wäre.

Die offene Welt ist grundsätzlich eine gute Idee. Ich mag es, nicht mehr stur von Route zu Route geschickt zu werden. Einige Geschichten und Figuren funktionieren, das Sammeln macht weiterhin Spaß und natürlich gibt es wieder genügend neue Pokémon, bei denen ich entweder denke „Oh, das ist nett“ oder „Wer hat denn das verbrochen?“.

Das gehört seit Jahren dazu.

Aber gerade weil unter der Oberfläche ein durchaus interessantes Pokémon-Spiel steckt, nervt mich der technische Zustand umso mehr. Da ist eine große Welt, aber sie wirkt teilweise leer. Da ist Freiheit, aber die Herausforderungen passen sich nicht an. Da ist eine aktuelle Generation eines der größten Spiele-Franchises überhaupt und trotzdem muss ich dabei zusehen, wie Figuren in der Entfernung mit fünf Bildern pro Woche durch die Gegend stolpern.

Bei einem kleinen Entwickler würde ich über manchen Fehler vermutlich hinwegsehen.

Bei Pokémon fällt mir das deutlich schwerer.

Die Zukunft ist Vergangenheit

Zeitreisen spielen in Karmesin und Purpur eine Rolle. Vielleicht passt das ganz gut, denn auch beim Spielen hatte ich gelegentlich das Gefühl, eine kleine Reise in die Vergangenheit zu unternehmen.

Nur leider nicht in die Vergangenheit, in der ich begeistert mit meinem Game Boy Pokémon gesammelt habe.

Eher in eine Zeit, in der 3D-Spiele technisch noch ausprobieren mussten, wie das eigentlich alles funktioniert.

Pokémon selbst macht mir immer noch Spaß. Sonst hätte ich das Spiel vermutlich gar nicht erst gekauft. Und für die weniger als 30 Euro, die ich bezahlt habe, habe ich mich durchaus unterhalten gefühlt.

Für den ursprünglich aufgerufenen Preis hätte ich mich allerdings gewaltig geärgert.

Karmesin und Purpur ist für mich deshalb kein Totalausfall. Es ist eher ein Spiel, bei dem ich ständig das Gefühl habe, wie viel besser es hätte sein können, wenn man ihm etwas mehr Zeit und technische Sorgfalt gegönnt hätte.

Kann man spielen.

Muss man aber nicht.

Foto: Nintendo und Gamefreak – Screenshot aus Pokemon Purpur / Beitragsbild-Layout: canva PRO und Norbert Beck


Rechtschreibung

Die Interpunktion und Orthographie dieses Textes sind frei erfunden. Eine Übereinstimmung mit aktuellen oder ehemaligen Rechtschreibregeln wäre rein zufällig und ist nicht beabsichtigt.

Fehler? Klar, ich bin auch nur ein Mensch! Vor der Veröffentlichung lasse ich meine Blogposts von einer KI (z. B. ChatGPT) auf Rechtschreibung und Grammatik prüfen, um die gröbsten Patzer auszumerzen. Das Ergebnis ist sauberer als so mancher Zeitungsbeitrag – und das will was heißen! 😉

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