Es ist wieder so weit. Das Land verfällt in den kollektiven Ausnahmezustand, die Fähnchenhändler reiben sich die Hände, und auf den Bildschirmen flimmert das nächste globale Großereignis. Die Erwartungshaltung ist klar definiert: Man hat mitzufiebern, zu zittern und patriotische Tränen der Rührung oder Verzweiflung zu vergießen. Doch was passiert eigentlich, wenn man sich diesem medialen Dauerfeuer schlicht verweigert? Wenn man bereits seit Anfang der 2000er-Jahre versucht, Weltmeisterschaften, Europameisterschaften und jede andere Form des durchgestylten Profisports konsequent im intellektuellen Spam-Ordner abzulegen?
Man erntet ungläubige Blicke. Wer der „Mannschaft“ nicht den Titel herbeisehnt, gilt fast schon als vaterlandsloser Geselle. Dabei wäre ein schnörkelloses Vorrundenaus oder – noch besser – eine gepflegte Nicht-Qualifikation ein wahrer Segen für die Menschheit. Es würde allen Beteiligten unendlich viel Lebenszeit sparen, die strapazierten Nerven schonen, gigantische Geldsummen im Beutel belassen und den Menschen die wunderbare Möglichkeit eröffnen, einfach mal ein paar Wochen früher und völlig tiefenentspannt in den Sommerurlaub zu fahren.
Tütensuppe statt Drei-Sterne-Menü
Warum? Dieser gesamte, multimediale Popanz hat mit dem ehrlichen Sport von einst so viel zu tun wie eine Tütensuppe mit einem Drei-Sterne-Menü. Es geht im modernen Sportzirkus im Grunde nur noch darum, dass sich irgendjemand, irgendwo, in irgendeiner exzessiven Form die Taschen bis zum Bersten mit Geld vollstopft.
Man werfe nur einen Blick über den großen Teich, wo das Spektakel bisweilen absurde Blüten treibt. Da werden für die schlichte Fahrt zum Stadion die Ticketpreise der Nahverkehrsshuttles mir nichts, dir nichts von schlanken acht Dollar auf sportliche einhundert Dollar hochgeschraubt. Wer sich im Vorfeld für horrende Summen Eintrittskarten einer vermeintlich exklusiven Platzkategorie gesichert hat, reibt sich am Einlass verwundert die Augen: Am Ende wird man mit einem billigen Tribünenplatz im Nirgendwo abgespeist. Hauptsache, die Kasse stimmt. Da fragt man sich doch glatt: Geht es hier überhaupt noch um das runde Leder, oder ist der Ball nur noch das Alibi für die maximale Kontoplünderung der Fans?
Die Götter in frisch rasierten Trendfrisuren
Auch die moralische Instanz der Nationalmannschaft hat sich längst im Millionengeschäft verflüchtigt. Früher galt das ungeschriebene Gesetz: Wer den Bundesadler auf der Brust trägt, fungiert als Vorbild für die Jugend. Doch welche Werte vermitteln die heutigen Rasen-Millionäre? Brauchen wir wirklich Vorbilder, die beim Hauch eines Windstoßes theatralisch zu Boden sinken? Die sich, wenn sie sich im Zweikampf gefühlt den Nagel eingerissen haben, so vehement auf dem Grün wälzen, als sei das Bein dreifach gebrochen, nur um Sekunden später – nach erfolgreichem Freistoßpfiff – wie durch ein medizinisches Wunder auferstanden wieder loszusprinten?
Diese ganz spezielle Interpretation von gesellschaftlicher Vorbildfunktion und Solidarität ließ sich bereits während der Corona-Pandemie bewundern. Während der Normalbürger monatelang mit wildwuchernden Frisuren durch den Alltag schleichen musste, weil die Friseursalons im harten Lockdown verriegelt waren – man hätte sich ja beim Spitzen-Schneiden gegenseitig anstecken können –, präsentierten sich die werten Herren Spieler der oberen Ligen an jedem Spieltag mit millimetergenau austarierten, frisch rasierten Trendfrisuren. Die Ehefrauen der Fußballer müssen damals allesamt verborgene Meistertalente des Coiffeur-Handwerks gewesen sein, denn die Haare saßen stets perfekt. Ein Schelm, wer denkt, dass die allgemeinen Regeln des Fußvolks für die Götter in kurzen Hosen einfach nicht galten.
Selbst wer diesen ganzen medialen Mist konsequent meidet, bleibt im Alltag nicht verschont. Dank der dauererregten Berichterstattung entkommt niemand dem herbeigesehnten Drama um die Torwartfrage. Da wird ein bereits zurückgetretener Altmeister reaktiviert, der in der Champions League in einem Moment dem Verein mit Weltklasse-Paraden das Überleben sichert, um im nächsten Spiel kapitale Bockschüsse auf Kreisklasse-Niveau zu fabrizieren. Und schwups – besetzt er wie selbstverständlich wieder den Platz des eigentlich etatmäßigen Nationaltorhüters. Warum? Weil es entsprechende Töne und sanften Druck aus bestimmten Spielerkreisen gab. Wer diese meinungsstarken Kollegen sind – die rein zufällig meist beim selben Elite-Verein unter Vertrag stehen –, dürfte jedem Beobachter klar sein. Ganz ehrlich: Wäre man hier Cheftrainer, würden genau diese Ränkeschmiede, sollte das sportliche Experiment in die Hose gehen, gemeinsam mit ihrem reaktivierten Liebling direkt in die unbefristete Nationalmannschaftsrente geschickt.
Dazu passt das allgegenwärtige, kommunikative Chaos. Da tönt es aus der einen Ecke der Kabine vollmundig: „Wir fahren dorthin, um den Titel zu holen!“, während zeitgleich zwei andere Akteure in den Mikrofonen hastig zurückrudern und die Erwartungen dämpfen. Das ist kein Leistungssport mehr, das ist eine perfekt durchgestylte Seifenoper für die Primetime.
Und als ob das tägliche Drama auf dem Rasen nicht schon genug wäre, wird das Ganze ungefragt von einer Hundertschaft ehemaliger Spitzenspieler am Mikrofon seziert. Allen voran: Lothar. Besonders amüsant wird es, wenn ausgerechnet er mit gewohnt messerscharfer Eloquenz das Geschehen analysiert. Lothar, die USA, das frühe Ausscheiden und das große Wiederkommen – war da nicht was? Man erinnert sich dunkel an den heißen Sommer 1994, als die deutsche Weltmeister-Herrlichkeit im WM-Viertelfinale von New Jersey krachend an Bulgarien zerschellte. Oder an sein späteres, beinahe rührendes Intermezzo in der amerikanischen Profiliga bei den New York MetroStars im Jahr 2000, das sportlich eher überschaubar blieb, bevor es ihn wieder in die Heimat zog. Ausgerechnet jene Generation, die das transatlantische Drama quasi miterfunden hat, erklärt uns heute, wie man im Land der unbegrenzten Möglichkeiten die Nerven behält. Ein herrlicher Kreis, der sich da schließt.
Und dann sind da natürlich noch die Gehälter. Wenn ein Stürmerstar wie Harry Kane geschätzte 25 Millionen Euro für eine einzige Saison einstreicht – wohlgemerkt ohne die üppigen Prämien, Werbedeals und den ganzen anderen kommerziellen Quatsch –, muss man sich unweigerlich die Systemfrage stellen: Ist ein einzelner Mensch eine solche unfassbare Summe wert, nur um eine Unterhaltungsshow zu liefern?
800 Mark und ein VW Käfer
Dass es auch anders geht, zeigt der Blick in die Chroniken, als Fußball noch kein börsennotiertes Produkt war. Man denke an die letzte Meistermannschaft des FC Schalke 04. Zu dieser legendären Elf gehörte Heiner Kördell, ein echter Malocher und einmaliger Nationalspieler. Bei einer Autogrammbörse im hessischen Eschwege plauderte die Schalker Legende vor Jahren aus dem Nähkästchen und erzählte mit leuchtenden Augen von seiner aktiven Zeit. Seine Prämie für die gewonnene Deutsche Meisterschaft? Stolze 800 Mark, ein Gutschein für ein Möbelhaus, für einen einzigen Tag die Leihgabe eines VW Käfers und ein goldener Meisterring. Diesen Ring präsentierte er damals noch immer mit sichtbarem Stolz.
Das ist absolut nicht mehr vergleichbar mit dem, was den heutigen Akteuren an Luxus und Privilegien in den Allerwertesten geblasen wird. Vor allem, wenn man bedenkt, dass die damaligen „Profis“ teilweise nebenbei noch ganz normal arbeiten gingen, um ihr Auskommen zu haben.
Auch die Disziplinarkultur war eine andere. Bei seinem einzigen Länderspiel erlaubte sich Kördell zusammen mit einigen Mannschaftskollegen den Fehler, abends ohne Erlaubnis in Kairo auf Zechtour zu gehen. Sepp Herberger, bekannt als strenger Regent an der Seitenlinie, fackelte nicht lange. Er erklärte dem Sünder kurz und trocken, dass dies sein erstes und gleichzeitig letztes Länderspiel gewesen sei. Konsequent, geradlinig, abgehakt. Solch ein Machtwort könnte man heute gar nicht mehr bringen. Da müsste ein Trainer sofort Angst haben, dass die Beraterclique die Spieler in den kollektiven Hungerstreik treibt oder direkt Amnesty International wegen Verletzung der persönlichen Entfaltungsfreiheit anruft.
Nein, für diesen überdrehten Zirkus ist die eigene Lebenszeit schlicht zu schade. Wenn die Nationalelf das nächste Mal den Rasen betritt, gibt es deutlich bessere Alternativen: Entweder man liegt bereits gemütlich im Bett und pflegt den gesunden Schlaf, oder man nutzt die Zeit für die wirklich wichtigen Dinge des Lebens – zum Beispiel eine Runde Riesenrad fahren auf dem Johannisfest in Eschwege. Das bietet garantiert mehr echten Spaß, eine bessere Aussicht und das Karussell dreht sich verlässlich im Kreis, ganz ohne Millionenpoker.
Bildinformationen:
Foto: Norbert Beck, mit Google Gemini und Google Nano Banana bearbeitet
Komposition des Beitragsbildes: Norbert Beck mit Unterstützung von canva pro
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