Ich wollte gar nicht laufen

Eigentlich wollte ich an diesem Tag gar nicht laufen. Genau genommen war am Vormittag noch nicht einmal sicher, ob ich überhaupt etwas machen würde. Mein Rücken hatte seit einem Hexenschuss vor ein paar Wochen immer wieder herumgemuckt und bis mittags war die Sache ziemlich eindeutig: Heute wird eher nichts.

Am Nachmittag hatte sich der Rücken dann wieder beruhigt. Da ich ohnehin in Bad Sooden-Allendorf zu tun hatte, fuhr ich anschließend zu den Bruchteichen. Das ist eine Gegend, in der ich schon oft unterwegs war und die ich ziemlich gut kenne. Eine Runde um beide Teiche kommt auf ungefähr vier Kilometer. Aber selbst darauf hatte ich an diesem Tag keine große Lust. Mir stand der Sinn einfach nach etwas Gehen. Vielleicht ein bisschen länger, aber ohne irgendein Trainingsziel.

Also bog ich am Ende des großen Teichs auf den Rad- und Wanderweg Richtung Weiden und Kleinvach ab. Am Ortsrand gibt es mehrere Möglichkeiten weiterzugehen. Geradeaus geht es Richtung Werra, scharf rechts hoch zum Römerlager und etwas weniger ambitioniert unterhalb des Waldes zurück in Richtung des zweiten Bruchteichs. Genau das war mein Plan.

Am Parkplatz hatte ich zuvor eine Gruppe Nordic Walkerinnen gesehen. Die Damen sollten mir an diesem Nachmittag noch öfter begegnen. Auf dem Weg unterhalb des Waldes war es angenehm ruhig. Etwas oberhalb lagen die Felder, der Radverkehr blieb zurück und ich konnte einfach mein Tempo gehen. Meine Uhr behauptete irgendwann, ich wäre schon im aeroben Bereich unterwegs. Also war ich offenbar flotter, als es sich anfühlte.

Vor mir gingen zwei junge Frauen. Irgendwann hatte ich sie eingeholt und lief schließlich direkt vor ihnen. Was zunächst belanglos war, wurde ziemlich schnell nervig. Hinter mir wurde getuschelt und gelästert. Offenbar passte ein dicker Mann, der relativ zügig unterwegs war, nicht ganz in das Bild, das man sich von mir gemacht hatte.

Normalerweise kann mir so etwas ziemlich egal sein. An diesem Tag ging es mir trotzdem irgendwann auf die Nerven.

Ich hatte eine Jogginghose, ein T-Shirt und eine Schlabberjacke an. Die Jacke saß inzwischen tatsächlich deutlich lockerer als beim Kauf, weil zwischen damals und diesem Tag ungefähr 20 Kilo lagen. An den Füßen hatte ich wie so oft Laufschuhe. Vor Jahren hatte ich vertretungsweise einmal eine Laufgruppe betreut und meine Meinung war schon damals ziemlich einfach: Mir ist egal, ob jemand in Jeans, Tights oder notfalls im Nachthemd läuft. Hauptsache, die Schuhe passen.

Irgendwann blickte ich auf meine Uhr, dann kurz über die Schulter und fing einfach an zu traben.

Das war nicht geplant. Es sollte kein Lauftraining werden und ich wollte auch niemandem etwas beweisen. Ich hatte schlicht keine Lust mehr auf das Gelästere direkt hinter mir.

Dann hörte ich von hinten: „Der Fettsack kann laufen?“

Offenbar konnte er.

Ich bin kein schneller Läufer. War ich damals nicht und bin es heute auch nicht. Trotzdem reichte mein Tempo, um Abstand zu bekommen. Meine Rechnung war relativ simpel: Mit offenen Glasflaschen in der Hand lässt es sich nicht besonders bequem hinterherlaufen. Und tatsächlich wurde es hinter mir ziemlich schnell ruhiger.

So lief ich weiter, obwohl ich eigentlich nur spazieren gehen wollte.

Meine Uhr war von diesem spontanen Wechsel weniger begeistert als ich. Sie vibrierte und erklärte mir, dass ich nun in einem Bereich unterwegs sei, den sie für ziemlich anstrengend hielt. Mir selbst ging es erstaunlich gut. Im Ohr lief Rod Stewarts „Rhythm of My Heart“, und für diesen Moment passte das ziemlich gut. Ich trage beim Laufen ohnehin nur einen Ohrhörer. Nicht aus sportwissenschaftlichen Gründen, sondern weil ich gerne noch mitbekomme, was um mich herum passiert.

Über einen Feldweg kam ich später wieder auf den Rundweg am zweiten Bruchteich. Genau dort tauchten auch die Nordic Walkerinnen wieder auf. „Wo kommt der schon wieder her?“, hörte ich eine von ihnen sagen.

Das frage ich mich manchmal selbst.

Die Gegend rund um die Bruchteiche war für mich schließlich nicht irgendeine Strecke. Dort hatte ich schon Jahre zuvor Kilometer gesammelt und mit deutlich mehr Gewicht angefangen, mich wieder zu bewegen. Vielleicht war genau deshalb dieser Nachmittag im Nachhinein interessanter, als ich zunächst dachte.

Am großen Teich traf ich die Walkerinnen später ein weiteres Mal. Ich nahm noch den Weg an der Wassertretanlage vorbei und kam schließlich wieder zum Parkplatz. Meine Uhr zeigte am Ende 7,98 Kilometer. Ungefähr die Hälfte davon war ich tatsächlich gelaufen.

Dabei hatte ich an diesem Tag gar nicht laufen wollen.

Bevor ich mich ins Auto setzte, beschäftigte mich allerdings noch etwas wesentlich Wichtigeres. Am Parkplatz sammelte ein Eichhörnchen fleißig Nüsse. Ich versuchte, es davon zu überzeugen, mir eine aus der Hand abzunehmen. Das Tier hielt von meiner Idee wenig und wusste offenbar ziemlich genau, wie es an die Nuss kam, ohne mir dafür unnötig nahe zu kommen.

Zwischenzeitlich waren auch die Nordic Walkerinnen wieder angekommen. Und dort stellte ich fest, dass ich sie vielleicht jahrelang völlig falsch eingeschätzt hatte.

Früher hatte ich gerne darüber gelästert, dass Nordic Walker beim Gehen scheinbar bevorzugt über Torten, Braten und andere kalorienreiche Dinge reden. Jetzt standen die Damen am Parkplatz und köpften eine Flasche Sekt.

Mein Auto hatte mir lediglich Mineralwasser anzubieten.

Irgendwas machte ich offensichtlich falsch.

Trotzdem war ich an diesem Nachmittag ziemlich zufrieden. Nicht weil ich vor den Walkerinnen wieder am Auto war und auch nicht, weil ich den beiden jungen Frauen davongelaufen war. Viel wichtiger war etwas anderes: Ein gutes Jahr zuvor wäre es für mich kaum vorstellbar gewesen, einfach so vom Gehen ins Laufen zu wechseln und dann mehrere Kilometer weiterzumachen.

Die Probleme waren nicht plötzlich verschwunden. Der Rücken hatte mir noch am selben Morgen gezeigt, dass solche Tage auch ganz anders laufen können.

Aber wenn es passte, dann passte es eben.

Und manchmal merkt man erst hinterher, wie viel sich verändert hat.

Foto: Norbert Beck / Beitragsbild-Layout: canva PRO und Norbert Beck


Rechtschreibung

Die Interpunktion und Orthographie dieses Textes sind frei erfunden. Eine Übereinstimmung mit aktuellen oder ehemaligen Rechtschreibregeln wäre rein zufällig und ist nicht beabsichtigt.

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