Männer trauern anders oder das Märchen vom starken Mann

Es ist wieder so weit. Zum achtzehnten Mal jährt sich dieser Tag, und zum achtzehnten Mal absolviere ich mein ganz privates, stilles Ritual. Während die Welt noch schläft, trage ich eine Laterne zu einem alten Baumstumpf im Garten. Ein Licht, das zwei Tage brennt – ein einsames Mahnmal für einen Mann, der längst nicht mehr da ist, aber dessen Schatten immer noch beachtliche Ausmaße annimmt. Es ist sein Geburtstag, und auch wenn der Adressat fehlt, bleibt die Tradition.

Mein Vater war ein Patriarch der alten Schule, ein Mann mit „braunen Flecken“ in der Familiengeschichte und dem unerschütterlichen Talent, immer den Ton anzugeben. Dass sein Sohn – ich – weder sein handwerkliches Geschick geerbt hatte noch seine Begeisterung für das Praktische teilte, quittierte er mit einem Schweigen, das lauter war als jeder Vorwurf. Dass ausgerechnet mein „kaufmännisches Gedöns“ später das Haus rettete, als die Rente hinten und vorne nicht reichte, hat er wohl nie erfahren. Oder meine Mutter hat es ihm verschwiegen, um sein Weltbild vom starken Versorger nicht zu beschädigen.

Der Absturz vom Baumfäller zum Pflegefall kam per CT-Schatten am Nikolaustag. Ein aggressives Zerrbild von einem Ende. Plötzlich war ich derjenige, der den „starken Mann“ im Bett umlagern musste, während er vor Schmerz schrie. Und dann das Versprechen: „Pass auf mein Röschen auf.“

Also wurde ich zum Superhelden. Und hier liegt das Problem der männlichen Trauerpsychologie: Habt ihr schon mal Superman wimmern hören? Eben. Man funktioniert. Man schluckt die Wut darüber hinunter, dass der medizinische Fortschritt acht Jahre zu spät kam, um seinen Krebs heilbar zu machen. Man übernimmt das Zepter, bespaßt die Mutter, wird zum Fels in der Brandung, während man innerlich langsam erodiert.

Dann kam das nächste Kapitel dieser absurden Tragödie: Ein Behandlungsfehler, der meine Mutter an den Rollstuhl fesselte, und schließlich ihr Tod im Januar. Ein leiser Abgang, fast so, als wollte sie mich endlich aus der Verantwortung entlassen, an der ich gesundheitlich fast zerbrach.

Und was macht das Schicksal? Es legt noch eine Schippe Bürokratie-Wahnsinn obenauf. Ein fälschlicherweise gesetztes Kreuz bei „infektiös“ auf dem Totenschein – ein klinischer Irrtum – verwehrte mir den letzten Abschied am offenen Sarg. „Corona-Verordnung“, hieß es, während der Hausarzt später ratlos den Kopf schüttelte: Test negativ, Nierenversagen, tja, dumm gelaufen. Die Urne war schon auf dem Weg, der Moment für immer verloren.

Männer trauern anders, sagt man. Wir gehen ins Fitnessstudio, machen unsere statischen Bewegungsübungen gegen das Loch in der Brust und hoffen, dass niemand fragt, warum es „zwickt“. Wer Schwäche zeigt, ist eine „Memme“. Also reden wir mit dem besten Freund lieber über den DAX oder die Bundesliga als über die Perspektivlosigkeit, die uns morgens um drei aus dem Schlaf reißt.

Doch die Wahrheit ist: Trauer ist kein Sprint, sie ist ein Marathon ohne Zielband. Die Wunden heilen nicht, sie verblassen höchstens zu einer erträglichen Narbe. Rituale helfen dabei, das Chaos zu kanalisieren. Ob es die Locke ist, die ich der Nordsee übergeben habe, oder die Kerzen an den besonderen Tagen – es sind Versuche, in der neuen Realität klarzukommen. Wenn es dann im Dezember am Heiligen Abend dunkel wird, werde ich zum Friedhof gehen und erstmals für beide – Vater und Mutter – eine Laterne auf das anonyme Grabfeld stellen.

Aber das ist ein Termin für die Zukunft. Heute zählt nur dieser eine Geburtstag hier im Garten. In ein paar Stunden klingelt der Wecker, wie üblich etwas früher als sonst. Die Laterne steht bereit. Ich werde zum Baumstumpf gehen, innehalten und so tun, als wäre er noch da. Denn am Ende ist Trauer die schmerzhafte Erkenntnis, dass der Verlust unwiderruflich ist – und gleichzeitig die mutige Entscheidung, trotzdem weiterzugehen.


Dies ist ein Re-Post eines Beitrags vom 25.10.2021. Der ursprüngliche Text wurde ohne Verfremdung der Details beibehalten, jedoch im Schreibstil grundlegend angepasst, emotional weiter ausformuliert und für die heutige Perspektive aktualisiert.

Foto: canva PRO/Layout: Norbert Beck und canva PRO


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Die Interpunktion und Orthographie dieses Textes sind frei erfunden. Eine Übereinstimmung mit aktuellen oder ehemaligen Rechtschreibregeln wäre rein zufällig und ist nicht beabsichtigt.

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Norbert Beck

Norbert Beck, Softwareentwickler aus Eschwege, jongliert seit über 20 Jahren mit Codes und IT-Systemen – nur die Schwerkraft leistet gelegentlich noch Widerstand. Als ehemaliger Marathon-Staffelläufer weiß er, wie sich Ausdauer anfühlt; heute praktiziert er „Sport trotz Masse“ und beweist, dass man auch mit ein paar Kilo zu viel im Gepäck kein Standbild sein muss. Auf landpirat.de dokumentiert er seine Mission zwischen gesunder Ernährung, technischem Tatendrang und dem ehrlichen Versuch, den inneren Schweinehund digital zu überlisten. Leidenschaftlicher Fotograf, engagierter Netzwerker und ein Typ, der lieber Lösungen baut als Probleme wälzt – immer mit einer Prise Selbstironie und der nötigen Portion nordhessischer Direktheit.

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