Hänschenfest – nichts bleibt, wie es ist

Man ist ja heutzutage schnell mit Definitionen bei der Hand. Ich zum Beispiel bin ein Dietemann. Warum? Weil ich hier geboren bin. Genau wie der Großteil des Kreises, der im Eschweger Kreißsaal das Licht der Welt erblickte. Streng genommen müssten wir die Wanfrieder Identitätskrise miterleben: Wer nicht bei einer Hausgeburt zwischen Werratal-Idylle und Fachwerk das erste Mal geschrien hat, ist nach lokaler Auslegung eigentlich gar kein echter „Wannefreeder“. Aber lassen wir die Haarspalterei – wir haben Wichtigeres zu besprechen: Das Eschweger Johannisfest.

Nach zwei Jahren pandemischer Zwangspause, in denen wir uns mit Masken, Lockdowns und Montagsspaziergängen die Zeit vertrieben haben, durfte es 2022 endlich wieder sein. Für den Außenstehenden ist es ein Heimatfest; für uns ist es eine Zeitrechnung. Das Jahr beginnt nicht am 1. Januar, sondern am Johannisfest-Montag nach dem Feuerwerk. Neues Jahr, neues Glück, neues Zappeln in den Beinen.

Doch machen wir uns nichts vor: Johannisfest 2022 fühlte sich an wie eine liebgewonnene Melodie, bei der plötzlich ein paar entscheidende Töne fehlen.

Wo ist die Wurst geblieben?

Früher war der Donnerstag heilig. Da ritt der Johannisfestreiter am Haus vorbei, wurde von den Nachbarn fachgerecht abgefüllt und stieß ins Horn. Der Freitag? Das war der Bratwurstheiligabend. Ein kulinarisches Hochamt, bei dem an jeder Ecke der Stadt das Fett spritzte. Heute? Ein Trauerspiel der Metzger-Demografie. Wenn Traditionsbetriebe wie Manegold oder Haase schließen, blutet die kulinarische Seele der Stadt. Was bleibt, sind Betriebe aus dem Umland oder Großmetzgereien, die man in jedem Einkaufszentrum zwischen Erfurt und Niedersachsen findet. Da schmeckt die Wurst zwar auch, aber der lokale Spirit ist eher… „industriell“.

Von „Reifen Herren“ und mutloser Muse

Erinnern Sie sich noch an die „Reifen Herren“? Lokalkolorit pur, Lieder über Sekt, Selters und den Bratwurst-Junkie. Heute regiert die städtische Abgabe und das Cover-Einerlei. Selbst der Kreisjugendring, der am Hospitalplatz lautstark eine „Alternative zur Coverspielerei“ versprach, lieferte um 22 Uhr ein Medley der 80er- und 90er-Rockhits ab. Mutig? Vielleicht. Innovativ? Nun ja, Hauptsache die Stimmung passt, oder?

Maie, Märsche und moderne Mobilität

Beim Maienzug am Samstag gilt die Faustformel: Je älter das Kind, desto mickriger die Maie. Und wer sich über das Gewicht der Fahnen beschwert, hat wohl nie als Erstklässler bei strömendem Regen eine Fahne getragen, deren Bändersammlung bis in die Steinzeit zurückreichte. Das war kein Festumzug, das war Kraftsport.

Was die Musik angeht: Eschwege schwelgt im Luxus der Spielmannszüge. Doch der Glanz bröckelt. Die Marchingband Dietemann, einst Stolz der Stadt, war im Zug nicht zu sehen. Und das traditionelle Wecken am Sonntag? Früher marschierten sie den Berg hoch. Heute lässt man sich im Kleinbus von Auftritt zu Auftritt kutschieren. Ob das ökologisch oder gar im Sinne der Tradition ist? Greta würde vermutlich die Stirn runzeln.

„Mars Attacks“ auf dem Marktplatz

Apropos Bürgermeister: Man hatte das Gefühl, in zwei Jahren Festpause hätte sich eine beachtliche Menge an Redebedarf angestaut. „Der labert jedes Jahr länger“, raunte es durch die Menge auf dem Obermarkt. Das eigentliche Problem war jedoch die Akustik. Wer nicht direkt vor dem Rathaus stand, kam in den Genuss einer Beschallung, die stark an die außerirdischen „Ak-Ak-Aak“-Laute aus Mars Attacks erinnerte. Surreal, makaber, aber immerhin ein Erlebnis.

Der Festzug selbst? Unter dem Motto „Brücken bauen“ wurde vor allem eines gebaut: Umsätze für die Hersteller von Styropor-Poolnudeln. Ob 300 Euro für die Klassenkasse da wirklich die kreative Revolution auslösen, bleibt abzuwarten. Und brauchen wir wirklich den halben Magistrat an der Spitze des Zuges? Ein bisschen weniger Selbstdarstellung der Verwaltung und mehr Fokus auf die Schulen täte dem „Fest der Schüler“ gut.

Das „Opening“ und der Slush-Faktor

Auf dem Festplatz heißt der Auftakt jetzt „Opening“. Klingt modern, ändert aber nichts daran, dass das 4000-Mann-Zelt beim Auftritt der Grabowskis bestenfalls halbvoll war. Dass man nach Jahren des kostenfreien Programms nun wieder Eintritt verlangt – und eine Familie schnell mal einen Fuffi los ist, bevor der erste Gerstensaft fließt – muss man sich leisten wollen.

Am Freitagabend, dem Familientag, herrschten zudem gähnende Lücken. Wenn die Krönung des Getränkeangebots ein „Monster Slush“ ist, weil die Bierwagen noch in der Innenstadt stehen, dann ist das zwar bunt, spült aber die Pommes nur mäßig runter.


Was bleibt? Vielleicht habe ich nicht mehr „alle Plaketten beisammen“ – die diesjährige fand ich jedenfalls so wenig berauschend, dass ich lieber im Archiv meiner Sammlung kramen würde. Aber der Kern des Festes ist unkaputtbar: Das Treffen alter Freunde, die Feuerzangenbowlen-Nostalgie und das Wissen, dass jeder, der jemals hier gelebt hat, an diesem Wochenende heimkehren will.

Das Feuerwerk war prachtvoll, das Virus feiert laut Statistik fröhlich mit (und freut sich vermutlich schon aufs Open Flair), und wir befinden uns wieder im „Jahr 1“ nach der Zeitrechnung des Johannisfestes. Wahrscheinlich ist es wie in der Feuerzangenbowle: „Wahr sind nur die Erinnerungen“. Und die an die nächste Bratwurst sind definitiv die süßesten.


Dies ist ein Re-Post eines Beitrags vom 10.07.2022. Der ursprüngliche Text wurde stilistisch überarbeitet, in seiner Ausdrucksweise geschärft und für die heutige Lesart aktualisiert, ohne dabei die Details der damaligen Eindrücke zu verfälschen.

Foto: Norbert Beck und canva PRO / Beitragsbild-Layout: canva PRO und Norbert Beck


Rechtschreibung

Die Interpunktion und Orthographie dieses Textes sind frei erfunden. Eine Übereinstimmung mit aktuellen oder ehemaligen Rechtschreibregeln wäre rein zufällig und ist nicht beabsichtigt.

Fehler? Klar, ich bin auch nur ein Mensch! Vor der Veröffentlichung lasse ich meine Blogposts von einer KI (z. B. ChatGPT) auf Rechtschreibung und Grammatik prüfen, um die gröbsten Patzer auszumerzen. Das Ergebnis ist sauberer als so mancher Zeitungsbeitrag – und das will was heißen! 😉


Teile die Beiträge

Hat dir der Artikel gefallen? Teile ihn in deinem Lieblingsnetzwerk! Egal ob Social Media, Messenger oder anderswo – das Teilen und die Likes der Leser sind der Applaus für mich als Blogger und Vlogger. Jeder geteilte Post bringt landpirat.de mehr Leser, mehr Austausch und noch mehr Spaß am Bloggen. Also, klick auf „Teilen“ und leg los!


Werde Teil von Landpirat.de!

Deine Meinung ist gefragt! Schreib mir deine Gedanken in die Kommentare oder schick mir eine Nachricht über das Kontaktformular oder die E-Mail im Impressum. Folge mir auf Facebook, X, Mastodon, Blue Sky, Instagram, Threads, Tumblr oder YouTube, um keine neuen Posts oder Videos zu verpassen. Gemeinsam machen wir landpirat.de zu einem Ort voller spannender Geschichten – dein Input macht den Unterschied!

Norbert Beck

Norbert Beck, Softwareentwickler aus Eschwege, jongliert seit über 20 Jahren mit Codes und IT-Systemen – nur die Schwerkraft leistet gelegentlich noch Widerstand. Als ehemaliger Marathon-Staffelläufer weiß er, wie sich Ausdauer anfühlt; heute praktiziert er „Sport trotz Masse“ und beweist, dass man auch mit ein paar Kilo zu viel im Gepäck kein Standbild sein muss. Auf landpirat.de dokumentiert er seine Mission zwischen gesunder Ernährung, technischem Tatendrang und dem ehrlichen Versuch, den inneren Schweinehund digital zu überlisten. Leidenschaftlicher Fotograf, engagierter Netzwerker und ein Typ, der lieber Lösungen baut als Probleme wälzt – immer mit einer Prise Selbstironie und der nötigen Portion nordhessischer Direktheit.

Alle Beiträge ansehen von Norbert Beck →

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert