Es gibt Momente im Leben eines aufrechten Bürgers, da versagt das Vertrauen in die Institutionen. Da bröckelt das Fundament der Realität, und man erkennt, dass der Feind nicht draußen vor der Tür lauert, sondern im eigenen Badezimmer, getarnt als flaches Objekt aus Glas und Elektronik. Kürzlich war es bei mir wieder so weit: Meine Beurer-Waage, ein Gerät von der Statur eines Flugzeugträgers, verlangte nach neuer Energie. Das Batteriefach, welches seit jeher eine eher lockere Beziehung zu seinem Deckel pflegte, drohte endgültig zu kapitulieren.
In einer feinmechanischen Glanzleistung, die jedem Uhrmacher zur Ehre gereicht hätte, fixierte ich das Problem mit einem Klebegummi – jenem Teufelszeug, mit dem man normalerweise Poster von Boygroups an Kinderzimmerwände pappt. Während ich da so auf den Fliesen kniete, diese digitale Bestie reanimierte und auf das erste Lebenszeichen des Displays wartete, zog mein Leben an mir vorbei. Oder genauer: Die Ahnenreihe meiner bisherigen Schwerkraft-Messstationen. Eine Chronik des Versagens, der technischen Hybris und des nackten Grauens.
Erinnern wir uns an die gute alte Zeit der mechanischen Tretwaage. Ein ehrliches Stück Metall, das keine App, kein WLAN und vor allem keine Batterien brauchte. Sie wog bis 130 Kilo, wobei die Präzision eher als „unverbindliche Empfehlung“ zu verstehen war. Je nachdem, wie man den linken großen Zeh belastete oder ob man die Luft in einer bestimmten Frequenz anhielt, variierte das Ergebnis um geschmeidige zehn bis fünfzehn Prozent. Es war ein demokratisches Instrument: Man einigte sich mit der zitternden Nadel auf einen Wert, der das Gewissen nicht sofort in den Burnout trieb.
Doch der Fortschritt war nicht aufzuhalten. Es folgte „Petra“. Petra war eine sprechende Waage. Eine Erfindung für Menschen, deren „Vorbau“ inzwischen solche Ausmaße angenommen hatte, dass die Sichtachse auf das eigene „Zipfelchen“ – und damit auch auf die Anzeige am Boden – dauerhaft durch biologische Überhänge blockiert war. Petra war gnadenlos. Sie verkündete die nackte Wahrheit lautstark im gefliesten Raum, was den Gang auf die Waage zu einem öffentlichen Ereignis machte, das man eigentlich nur mit Zeugenschutzprogramm überstehen konnte.
Dann kam die Ära der „Omega“-Waage. Ein Gerät mit zwei Griffen, das vorgab, neben dem Gewicht auch den Anteil an Fett, Wasser und vermutlich auch die exakte Menge an moralischer Verfehlungen im Körper zu messen. Man hielt diese Griffe wie die Steuerhörner eines abstürzenden Jumbos und wartete auf das Urteil, das meist so deprimierend ausfiel, dass man sich fragte, ob das Gerät nicht auch den Anteil an „Mist im System“ mit einer eigenen Dezimalstelle berücksichtigte.
Doch dann wurde es modern. Digital. „Smart“. Den Anfang machte Withings. Eine Waage, die so intelligent sein wollte, dass sie für jedes Wiegen eine Standleitung zum Smartphone verlangte. Da die App-Hoheit damals bei Under Armour lag, begab man sich in ein moralisches Minenfeld. Wer dort durch die Kanäle surfte, fand sich plötzlich zwischen Jagdbildern wieder, auf denen Kinder – echte Kinder, keine Teenager – stolz vor erlegten, teils geschützten Tieren posierten. Ein Anblick, der mir die Lust an der digitalen Selbstoptimierung gründlich verhagelte. Wer solche Inhalte achselzuckend auf seinen Plattformen duldet, hat in meinem Badezimmer kein Gastrecht. Die Waage flog raus – Ethik wiegt mehr als ein Kilogramm Körperfett.
Es folgte das Garmin-Intermezzo. Ein Gerät von einer Trägheit, die selbst einen Beamten im Vorruhestand wie einen Sprinter wirken ließ. Die Koppelung dauerte ewig, die Messung noch länger, und bis die Daten endlich in der App einschlugen, hatte man das nächste Frühstück bereits verdaut. Danach kam Xiaomi – ein hübsches Teil, dessen Zahlen ich allerdings in etwa so viel Vertrauen schenkte wie den Wetterprognosen nach der Tagesschau. Wenn der Sprecher „leicht bewölkt“ sagt, nehme ich den Friesennerz mit. Wenn die Xiaomi-Waage ein Gewicht anzeigte, suchte ich instinktiv nach der versteckten Kamera.
Und nun also wieder Beurer. Großes Display, gute App, instabiler Batteriedeckel. Nach der Klebegummi-Operation stieg ich todesmutig auf die Glasplatte. Die Zahl, die dort erschien, war keine Information. Sie war eine Beleidigung. Eine bösartige Unterstellung. Ein Anschlag auf meine Menschenwürde.
In meiner Not rief ich einen Freund an, seines Zeichens Jurist. Ich verlangte Gerechtigkeit. Ich wollte Klage einreichen. Wegen übler Nachrede! Wegen Verleumdung! Wegen Mobbing durch einen Halbleiter! Mein juristischer Beistand hörte sich meine flammende Plädoyer-Rede an, schwieg eine Sekunde zu lang und sagte dann diesen einen, eiskalten Satz: „Die Waage kann nichts für die Zahl, die da steht.“
Was weiß der denn schon? Jurist… sind das nicht die Leute, die entweder beim zweiten Staatsexamen die Segel gestrichen oder schon im Grundstudium resigniert haben? Das muss ich dringend evaluieren. Fest steht: Morgen wird sich wieder bewegt. Nicht für die Waage, sondern nur, um diesem digitalen Orakel beim nächsten Mal das hämische Grinsen aus den Schaltkreisen zu wischen.
Bildinformationen:
Foto: Norbert Beck, mit Google Gemini und Google Nano Banana bearbeitet
Komposition des Beitragsbildes: Norbert Beck mit Unterstützung von canva pro
Rechtschreibung
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